Kurzanleitung: Wie schreibe ich eine Dissertation?
July 24th, 2007 at 06:29pm Alexander Müller

Auf was lasse ich mich da eigentlich ein?
Die Dissertation (offiziell auch „Inauguraldissertation“ oder Doktorarbeit genannt) ist eine schriftliche wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung eines Doktorgrades an einer Hochschule oder Universität. Abhängig von der Promotionsordnung der jeweiligen Universität werden an Dissertationen unterschiedliche Voraussetzungen an Format, Länge, Referenzen und Bearbeitungszeit gestellt.
Üblicherweise ist eine Dissertation ca. 200-300 Seiten lang. In naturwissenschaftlichen Fächern gibt es Doktorarbeiten mit 50 Seiten Länge - in anderen Disziplinen gibt es aber auch welche mit weitaus größerem Umfang. Das Negativbeispiel schlechthin ist meiner Meinung nach die 2.600-Seiten Arbeit zum Thema des Segelns auf dem Bodensee. Welcher Mensch soll das noch durchlesen? Wenn man nicht für den Leser schreibt, dann kann man eigentlich auch auf das Schreiben verzichten…
Der Mann weiß alles - jedenfalls über das Segeln auf dem Bodensee. Mit der Geschichte des Segelsports hat Joachim Schuhmacher sich wirklich ausgiebig beschäftigt. Stolze 2600 Seiten umfasst seine Dissertation mit dem Titel “Vom Menuett zum Matchrace”. Die Redakteure des Guinness- Buchs der Rekorde zögerten nicht lange: Weltbestleistung bescheinigten sie dem Historiker, so eine dicke Schwarte hatte vor ihm noch kein Doktorand auf der Erde verfasst. (Quelle)
Der Bearbeitungszeit für eine Dissertation ist meist keine Grenzen gesetzt. So gibt eine Umfrage der Zeit für durchschnittliche Promotionszeiten auch einen hohen Anteil von Doktoranden an, die seit über 5 Jahren dabei sind. Ein Richtwert sollten ca. 3-4 Jahre sein - abhängig von Fachgebiet, eigenem Anspruch und zur Verfügung stehender Zeit. In der deutschen Forschungslandschaft gibt neuerdings auch es eine Vielzahl von Universitäten mit feststehender Promotionsdauer im Rahmen eines Doktorandenkollegs.
Das Expose
Der erste Schritt auf dem Weg zur Dissertations-Anfertigung sollte die Anfertigung eines Expose sein. Es handelt sich dabei um eine kurze und prägnante Ausarbeitung zum Thema (maximal 10-15 Seiten). Dies erfüllt mehrere Zwecke: es hilft dabei, eine(n) möglichen Professor(in) zu finden, der/die das Erstgutachten für die Dissertation übernimmt. Die Auswahl eines Betreuers ist sehr wichtig und sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Neben der fachlichen Betreuung ist von (sogar meist noch größerer) Bedeutung, wie gut der Betreuer auch menschlich zu einem selbst passt.
Das Expose dient weiterhin dazu, auf die Suche nach möglichen Sponsoren (Stipendienorganisationen, Graduiertenkollegs, Unternehmen, etc.) für die Dissertation zu gehen. Das Expose sollte - kurz und knapp - die Forschungsfrage, den Stand der Forschung zum Thema, den theoretischen Ansatz, die Methodologie und die möglichen Quellen für die Dissertation definieren.
A proposal’s overt function is to persuade a committee of scholars that the project shines with the three kinds of merit all disciplines value, namely, conceptual innovation, methodological rigor, and rich, substantive content. You should choose your form bearing in mind that every proposal reader constantly scans for clear answers to three questions:
- What are we going to learn as the result of the proposed project that we do not know now?
- Why is it worth knowing?
- How will we know that the conclusions are valid?
Questions that are clearly posed are an excellent way to begin a proposal: Are strong party systems conducive to democratic stability? Was the decline of population growth in Brazil the result of government policies? These should not be rhetorical questions; they have effect precisely because the answer is far from obvious. Stating your central point, hypothesis, or interpretation is also a good way to begin: Workers do not organize unions; unions organize workers. The success, and failure, of Corazon Aquino’s revolution stems from its middle-class origins. Population growth coupled with loss of arable land poses a threat to North African food security in the next decade. (Quelle: Social Science Research Council)
Nicht zuletzt ist das Expose auch für den eigenen Fokus wichtig: aus dem Abstecken der Forschungsfrage kann man konsequent wichtige und weniger wichtige Literatur/Quellen/Theorien identifizieren. Der Umfang und die Art der durchzuführenden Untersuchung dient dazu, einen genauen Forschungsplan aufzustellen (siehe unten “Forschungsplan”).
Der Forschungsplan
Aus dem Expose lässt sich herleiten, welche Arbeiten für die Fertigstellung der Dissertation notwendig sind. In einem Forschungsplan (der oft auch Teil eines Expose ist) wird die Promotion wie ein Projekt geplant. Der große Block der notwendigen Arbeiten wird in kleinere Arbeitspakete zerlegt, Vorgänger und Nachfolger festgelegt und in eine zeitliche Abfolge über die gewünschte Promotionsdauer verteilt. Üblicherweise gliedert sich ein Forschungsplan in die groben Pakete: “Theoretischer Teil”, “Empirische Arbeiten”, “Schlussarbeiten” mit jeweiligen untergeordneten Arbeitspaketen.Es ist keineswegs sinnvoll, eine zu detaillierte Ausarbeitung des Zeitplans durchzuführen. Denn es können zu diesem Zeitpunkt noch nicht alle Unwägbarkeiten vorhergesehen werden. Stattdessen ist es empfehlenswert, größere Blöcke zeitlich zu terminieren, sich dafür aber dann auch verbindlich an den Zeitplan zu halten.
Informationen sammeln: der Zettelkasten
Gerade bei Doktoranden, die neben ihrer Dissertation noch einer weiteren Tätigkeit nachgehen, stellt sich oft das Problem ein, dass nur wenige zusammenhängende Zeitblöcke auf kontinuierliches Arbeiten an der Dissertation verwendet werden können. Hier bietet sich die sogenannte “Zettelkasten-Methode” an: man schreibt Ideen auf kleine Zettel. Jeder Zettel sollte etwa ein DIN A5-Blatt an Informationen aufnehmen. Neben dem eigentlichen Text in ausformulierten Sätzen sollte jeder Zettel einen Titel haben. Weiterhin kann man auf den Zetteln auch die Zuordnung zu den späteren Kapiteln vermerken.
Die Zettelkasten-Methode wurde schon von Umberto Eco in seinem Buch “Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt” beschrieben. Auch wenn Eco noch mit Schreibmaschine arbeitete und viele Hinweise etwas antiquiert wirken, so ist die grundsätzliche Idee weiterhin aktuell. Man konzentriert sich jeweils auf einen Gedankengang und hält ihn fest, ohne jedes Mal die gesamte Struktur der Dissertation im Hinterkopf behalten zu müssen. So kann man auch in einer halben Stunde Arbeit pro Tag durchaus gute Ergebnisse in ausformulierten Sätzen zu Papier bringen. Erst im finalen Schritt (siehe unten “Gliederung finalisieren”) werden die einzelnen Zettel in die richtige Reihenfolge gebracht und in die Dissertation überführt.Ein Zettelkasten kann als einfaches Word-Template formatiert sein. Es gibt jedoch mittlerweile eine Reihe von Hilfsmitteln, die die Arbeit mit Zetteln unterstützen, bspw. die Internet-Seite zettels.info oder der Dienst “Google Notebook“.
Gliederung finalisieren
Je mehr Informationen man im Zettelkasten sammelt, umso größer dürfte das Verständnis des Bearbeiters für das jeweilige Thema werden. Langsam dürfte sich auch ein grobes Bild vom Aufbau der Arbeit herausbilden. Früher oder später (etwa nach Ablauf von 2/3 der zur Verfügung stehenden Zeit für das Dissertations-Projekt) sollte man zu seinem Betreuer gehen und eine finale Gliederung der Arbeit “absegnen” lassen. Am Grobaufbau der Kapitel sollte sich von nun an nicht mehr viel ändern. Steht die grobe Gliederung (Kapitel bis in die zweite Ebene, bspw. 1.1, 1.2, 1.3 etc.) so ist es Zeit, mit dem ersten Draft zu beginnen. Die Zettel aus den Zettelkästen sollten in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht und in die Arbeit überführt werden. Nun beginnt die wichtige Arbeit, Bezüge und Übergänge herzustellen und trotz der Fülle an Informationen einen roten Faden durch die Arbeit zu behalten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt empfiehlt sich auch der Einsatz einer Software für die Verwaltung von Zitationen in einer Literaturdatenbank, bspw. Endnote. Sind einzelne Kapitel fertiggestellt (und sei es nur in der Rohversion), sollte man diese dem Betreuer zum Lesen geben, um frühzeitig Änderungsvorschläge zu berücksichtigen. Es wird wahrscheinlich eine Vielzahl von Umstrukturierungen bis zur finalen Version geben, aber man sieht relativ bald, dass man gut vorwärts kommt.
Druck der finalen Version
Steht die finale Version fest, so muss man seine Arbeit drucken. Die Exemplare für die Gutachter (meist etwa 5-10 Exemplare) kann man in jedem Copy-Shop binden lassen (etwa 10-15 EUR pro Exemplar je nach Bindung und Seitenzahl). Die tatsächlich zu veröffentlichenden Exemplare können bei einem Verlag gedruckt werden oder aber als PDF oder Mikrofilm der Bibliothek zur Verfügung gestellt werden. Die genaue Pflichtanzahl der Exemplare gibt meist die Promotionsordnung explizit vor.
Weitere Informationen und Quellen:
- Referenz: The Art of Writing Proposals: Some Candid Suggestions for Applicants to Social Science Research Council Competitions (vollständiger Text hier).
- Der Weg zum Doktortitel von Helga Knigge-Illner (Campus, 2002)
- Wie man eine wissenschaftliche Abschlußarbeit schreibt. Doktor-, Diplom- und Magisterarbeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften von Umberto Eco (UTB, 2005)
- Zettelkasten-Hilfsmittel: zettels.info oder Google Notebook
- Literaturdatenbank-Software “Endnote“.
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2 Comments Add your own
1. Kalyxo | July 26th, 2007 at 7:42 am
Hätte ich das nur früher gelesen und verfügbar gehabt …
Netter Artikel, der hoffentlich viel gelesen und kommentiert wird.
2. Flo | November 12th, 2007 at 5:57 pm
Danke für die Mühe - spart ne Menge Zeit!
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