Japanische Hochzeiten
October 10th, 2006 at 06:59am Alexander Müller

Ich war vor einigen Monaten bei einer japanischen Freundin zur Hochzeit in Tokyo eingeladen. Auch wenn man in Büchern zur japanischen Kultur viele Dinge über Heiraten und Hochzeit lesen kann, so bleiben doch einige Dinge unbeantwortet.
Ich werde bspw. oft gefragt, nach welcher Religion Japaner heiraten. Für mich auch völlig überraschend war die Tatsache, dass die meisten Japaner (über 50%) nach christlichem Brauch heiraten. Nur 32% heiraten nach Shinto-Brauch. Die übrigen Eheleute heiraten entweder säkular oder buddhistisch (Quelle: Wikipedia). Während sich also fast alle Europäer japanische Eheleute am Schrein in Kimono vorstellen, so finden die meisten Hochzeiten nach westlichem Vorbild statt. Dafür werden Buffets in teuren Tokyoter Hotels geboten, oft findet die eigentliche Trauung in einer zum Hotel gehörigen Kapelle statt, in der Laienpriester die Zeremonie durchführen. Ich kenne sogar einen deutschen Studenten, der (ohne theologischen Hintergrund) im Nebenjob in Japan als “Hochzeits-Priester” gearbeitet hat…
Westliche Kommerz-Hochzeiten
Der hohe Grad der Kommerzialisierung der japanischen Hochzeiten hat mich immer wieder beeindruckt. Man sieht fast in jeder U-Bahn Werbung für Orte, an denen man angeblich stilvoll Hochzeiten feiern kann, oft zu horrenden Preisen, obwohl es sich nur um eine kleine Kapelle in einem Hotel handelt, von der man schon am Photo sehen kann, dass es sich im besten Fall um Imitations-Kitsch handelt. Ich habe mich oft gefragt, warum die traditionellen Shinto-Hochzeiten - die in meinen Augen weitaus schöner sind - von so wenigen Pärchen gefeiert wird. Wie so oft zählt wohl hier auch das, was von Außenstehenden suggeriert wird. Ist eine Hochzeit nach ausländischem Vorbild wohl angesehener als eine traditionell japanische?
Hochzeit nach Shinto-Brauch

Neben diesen “westlichen” Heiraten gibt es auch noch die shintoistischen Hochzeiten, die an Shinto-Schreinen stattfinden. Shinto (神道), im Deutschen meist übersetzt mit „Weg der Götter“, ist eine in Japan praktizierte Religion, die sich an die einheimischen japanischen Gottheiten (genauer: kami, 神) richtet. Bei shintoistischen Hochzeiten tragen die Eheleute traditionell Kimono, es findet eine Hochzeitsprozession zu einem Schrein statt, an dem eine Zeremonie durchgeführt wird. Ich selbst war auch einmal auf einer solchen Zeremonie und fand es sehr beeindruckend. Am frühen Morgen (es war erst 8 Uhr!) wurden die Eheleute von einem Flötenspieler und dem Priester zum Altar geführt, an dem mehrere Feuer in kleinen Alkoven brannten. Die Athmosphäre des Ortes und die Gesänge des Priesters waren wirklich sehr beeindruckend (auch wenn ich vom Inhalt her wenig verstanden habe). Neben dieser Feier im kleinen Kreis (sog. “ichijikai”) findet anschließend noch eine größere Feier (sog. “nijikai”) statt, zu der auch der größere Freundeskreis, Arbeitskollegen, ehemalige Kommilitonen etc. eingeladen werden. Oft stellen hierfür die Schreine eigene Örtlichkeiten zur Verfügung, oder man verwendet Restaurants in der Nähe des Schreins. Hier findet dann meist noch eine ausgiebige Photosession statt. Da die traditionellen Kleider (selbst leihweise) sehr teuer sind, wird die Zeit noch ausgenutzt, um diese für die Ewigkeit festzuhalten.
Das Finanzielle
Heiraten in Japan ist - da sind sich die meisten asiatischen Kulturen (spontan: Indien, China) wohl einig - ein extrem wichtiger Punkt im Leben, wofür dann auch extrem viel Geld ausgegeben wird. Nach Umfragen liegen die Kosten bei rund 3,35 Mio. Yen (ca. 30.000 EUR), die traditionell von den Eltern der Braut getragen werden (Quelle: Nipponia). Wie bei vielen Bräuchen unterliegen auch diese einer natürlichen Zersetzung, viele Eheleute bezahlen heutzutage ihre Hochzeit auch selbst.
Es ist Brauch, als Eingeladener zur Hochzeit Geld zu schenken. Dieses wird in einen dafür vorgesehenen Umschlag gesteckt und am Empfang übergeben. Die Höhe des Geldes richtet sich nach dem eigenen Status bzw. Einkommen und nach der persönlichen Nähe zur Braut oder Bräutigam. Wichtig ist: es dürfen nur “ungerade” Summen geschenkt werden. Die Anzahl der Geldscheine soll nicht teilbar sein, ein symbolischer Akt gegen eine mögliche Trennung. Als Richtwert kann die Übergabe von etwa 30.000 Yen (ca. 200 EUR) gesehen werden. Nimmt man an der Familienfeier teil, so liegen die Summen darüber, ist man bspw. Student oder ist es nur eine entfernte Bekanntschaft, tun es auch 10.000 Yen (ca. 65 EUR). Sachgeschenke sind nicht üblich. Auf fremden Hochzeiten zu tanzen kann folglich durchaus ruinöse Auswirkungen haben…
Aktuelle Entwicklungen
Abschließend sei noch erwähnt, dass die arrangierten Heiraten im Vergleich zu den “love marriages” in Japan seit 1945 kontinuierlich abnehmen, heutzutage sind es gerade noch einmal knapp 20%. Auch ist der Brauch, dass die japanischen Frauen mit der Hochzeit ihren Job aufgeben und sich ausschließlich als Hausfrau betätigen, in der Abnahme begriffen. Japanische Frauen suchen sich in zunehmenden Maße Männer, die ihre Karrieren unterstützen. In diesem Zusammenhang ist auch interessant, dass internationale Heiraten in Japan stetig zunehmen (derzeit aber immer noch bei ca. 5% der Heiraten liegen). Während sich die Frauen nach Koreanern, Amerikanern und Europäern umsehen, heiraten japanische Männer fast ausschließlich Angehörige des asiatischen Umlands (Chinesinnen, Philippinas, Korenerinnen).
Zum Schluß noch eine Statistik: die Anzahl der Scheidungen hat in Japan - wie in jedem anderen industrialisierten Land - stetig zugenommen: von 69.000 in 1960 auf 220.000 in 1997. Drum prüfe, wer sich ewig bindet…
Weiterführende Informationen:
- Special Feature: “A statistical view of marriage in Japan” (Nipponia) mit vielen Statistiken und interessanten Daten
- “Heiraten in Japan” bei Wikipedia
Dieser Beitrag gehört zu den Kategorien Leben in Japan und ihm wurden die Keywords hochzeit, japan, kultur, leben, ehe, heirat, shinto, statistik zugeordnet (Tag-Wolke anzeigen).
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2 Comments Add your own
1. netBoy | January 7th, 2008 at 8:33 pm
Die Darstellung der “westliche Hochzeiten” bedarf einer stärkeren Differenzierung. Vor allem der Touch des negativen in Bezug auf die Finanziellenmittel bedarf einer historischen Herleitung. Man könnte sonst die aktuelle Gesellschaftskritik mit historisch sinnvollen Traditionen verwechseln.
2. Hochzeitsfotograf Berlin | January 22nd, 2009 at 1:46 am
Ich werde auch japanisch Heiraten, dass ist schonmal klar, nachdem ich den Text gelesen habe.
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