Briefe zwischen Günter Grass und Kenzaburo Oe

August 20th, 2006 at 03:15pm Alexander Müller

Buch von Grass und Oe

Grass ist ja derzeit in aller Munde. Leitartikel im Spiegel zu seiner Vergangenheit in der Waffen-SS, ein Inlay in der FAZ mit Auszügen aus seinem neuen Buch “Beim Häuten der Zwiebel”. Ästhetisch wertvoll schon nicht zuletzt aufgrund der Rötelzeichnungen von Zwiebeln - Grass ist ja gelernter Grafiker.

Für mich ist dieser Aufruhr genug Grund gewesen, nun endlich mal ein Buch zu lesen, das schon seit mehreren Jahren unbeachtet im Bücherregal stand. “Gestern, vor 50 Jahren - ein deutsch-japanischer Briefwechsel”. Gekauft auf einem Flohmarkt für 2 EUR, habe ich bislang höchstens das hintere Deckblatt gelesen, das über den Inhalt Auskunft gibt: “Zum 50. Jahrestag des Kriegsendes haben der 1935 geborene japanische Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe und der 1927 in Danzig geborene Günter Grass einen Briefwechsel geführt. Zwei weltbekannte Autoren, zwei “gebrannte Kinder”, […] schreiben über persönliche Erlebnisse und politische Hoffnungen.”

Genau der letzte Satz, “schreiben über politische Hoffnungen”, hat mich bislang davon abgehalten, das Buch genauer durchzulesen. Denn immer wenn Grass öffentlich schreibt (und öffentliche Briefe gibt es ja genug an der Zahl), dann fühlt man sich wie auf einer SPD-Parteisitzung, wo gegen Kapitalismus und für soziale Gerechtigkeit plädiert wird. Ohne jetzt weiter darauf einzugehen, ist mir sein literarisches Werk doch ohne den politischen Zeigestock lieber.

Nach dem Lesen des Buchs ist man klüger. Gleich vorweg - ich finde, das Buch ist ein bemerkenswertes Zeitdokument. Grass und Oe unterhalten sich über ihre persönlichen Erfahrungen während des zweiten Weltkriegs und ziehen dabei Parallelen zwischen Deutschland und Japan. So bspw. zur Frage der Deserteure unter den Soldaten - Grass erinnert sich an die Reihen der erhängten Deserteure (mit dem Schild “Ich bin ein Feigling” um den Hals) und Oe - damals noch jung und Schüler in einem abgelegenen japanischen Bergdorf - schildert ein Erlebnis, bei dem ein junger Mann ins Dorf flüchtet um nicht an die Front zu müssen und sich dann (als selbst die Eltern dem Deserteur keinen Zuschlupf gewähren) sich selbst in der Schule das Leben nimmt, woraufhin seine Leiche von der Militärpolizei unter Anwesenheit der Eltern mit Füßen getreten wird. Solche Schilderungen nehmen mit. Dass sowohl Deutschland als auch Japan sich in der Nachkriegszeit damit schwer taten, die Verurteilungen der Deserteure zurückzunehmen, führt die beiden Schriftsteller schließlich zu der Schlußfolgerung, dass sie die Aufgabe teilen, auch unter Gefahr hin als Nestbeschmutzer zu gelten, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten - wie das Kind im Märchen “Des Kaisers neue Kleider”.

Kurzum, die Briefe sind lesenswert. Oe berichtet über eine Frau, die die Herausgabe der Gebeine ihres Mannes aus dem Massen-Schrein Yasukuni Jinja in Tokyo erklagen wollte und dabei vor dem obersten Gerichtshof scheiterte. Fälle wie dieser verhindern, dass die an der Front Gefallenen als Individuen wahrgenommen werden, was wiederum verhindert, dass die vom System begangenen Greueltaten der japanischen Armee in Korea und China kritisch verurteilt werden können. Denn eine Verurteilung der Taten richtet sich so in der öffentlichen Wahrnehmung auch immer gegen das Andenken der Angehörigen. Ein Grund dafür, dass sich Japan bei den anderen asiatischen Nationen nicht entschuldigt hat und in Schulbüchern die Verbrechen des II. Weltkriegs unterschlagen werden?

Es sei angemerkt, dass - während Oe auf intellektuelle Art und Weise Philosophen und Schriftsteller zitiert (Zola, Spinoza, …) und den Grass/Oe-Briefwechsel mit dem Aufklärer-Austausch zwischen Voltaire und Diderot vergleicht - Grass teilweise doch sehr polternd seine Lieblingsfeinde (den Kapitalismus und die Bundesrepublik) angreift. Meiner Meinung nach neigt Grass zur Übererfüllung seines vermeintlichen Schriftsteller-Auftrags (Anpragnern und Finden von Missständen). Schon fast reißerich lesen sich einige Sätze auf S. 18 “Deutschland und Japan sind zwei reiche, doch in ihrem geistigen Haushalt zutiefst verarmte Länder, die den Bruch ihrer Zivilisation nach wie vor nicht überwunden haben. Noch immer droht ihnen - und sei es vom Rande her nur - der Rückfall in die Barbarei.” Oe geht nicht auf diese Steilvorlage ein - fast schon sympathisch. :mrgreen:


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1 Comment Add your own

  • 1. Gerrit  |  August 20th, 2006 at 6:02 pm

    Meine [Vor-]Urteile gegenüber Grass scheinen Deinen weitgehend zu entsprechen. Vielleicht sollte ich auch mal eines seiner Bücher lesen? Zur aktuellen Debatte: 1. glaube ich, dass die ganze “Offenbarung” PR-technisch war und nicht von Herzen kam. 2. zeigen die Reaktionen die Kleingeistigkeit derer, die sich über den Moralisierer moralisierend echauffieren und endlich die Chance sehen, Rechnungen zu begleichen.

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