Die Traumwelt deutscher Mobilfunkanbieter

March 15th, 2006 at 11:03pm Alexander Müller

Die Mobilfunkanbieter kapieren es einfach nicht, was der durchschnittliche Nutzer möchte: mobile Internetverbindungen, die zuverlässig und schnell sind, dabei gleichzeitig erschwinglich. Der Anspruch der Industrie, neben der Bereitstellung der technischen Infrastruktur auch gleichzeitig Lieferant für alle Inhalte zu sein, seien es Spiele, mobiles Fernsehen, Klingeltöne oder anderen Schnickschnack - verhindert, dass wichtige Investitionen in eine moderne und flächendeckende mobile Internet-Bereitstellung getätigt werden.

Die augenblickliche Strategie der Mobilfunkunternehmen ist technikergetrieben und realitätsfern. Auch wenn derzeit auf der CeBit das Online-Fernsehen als neuester Industrietrend zelebriert wird, so ist doch fraglich, ob die unreife Technologie jemals einen Fuß in die Tür bekommt. Besonders die derzeitigen Erwartungen, dass mit dem Angebot von TV-Fussball auf dem Handy der Durchbruch gelingt, sind realitätsfern. Kleine schwarze Punkte bewegen sich auf einem grünen, unscharfen Etwas, das nur entfernt an Rasen erinnert. Wo sich der Ball befindet, ist nur schwer erkennbar. Die Vebraucher dürfte dies nur wenig begeistern. Mal davon abgesehen, dass sich die GEZ schon die Hände reibt, wenn ihre Geldeintreiber zukünftig Handy-TV-Zuschauer auf der Straße direkt zur Kasse bitten darf. Ich bin äusserst skeptisch…

Eine Konzentration aufs Kerngeschäft wäre angebracht. Der Spiegel drückte dies so aus: Niemand würde schließlich von Bosch erwarten, den Kühlschrank mit Milch und Butter zu füllen. Das können andere besser. Trotzdem mischen die Mobilfunkhersteller weiterhin bei Inhalten und Schnickschnack mit.

Vorsicht ist angeraten. Die Einnahmequellen mobiler Kommunikation werden in naher Zukunft für die Mobilfunkunternehmen nur schwer erreichbar sein. Viele PDAs und Smartphones können bereits WLAN nutzen. Auch wenn WLAN nicht überall erreichbar ist: Warum sollten Nutzer bereit sein, neben den nicht geringen Gebühren für Datenübertragungen (und dies sollte der eigentliche Fokus der Mobilfunkunternehmen sein) auch noch ein Premium für digitale Inhalte abzudrücken? Selbst bei der Telefonie könnte es den Mobilfunkanbietern bald an den Kragen gehen, wenn Geräte etwa fähig sind, durch installierte Skype-Software kostenlos Telefonverbindungen aufzubauen. Schon jetzt ist es wegen überhoehter Gebühren üblich zu sagen: “Ich rufe Dich auf dem Festnetz zurueck.” Diese Konsumzurückhaltung haben die Hersteller zu verantworten in einem Land, in dem die Minutenpreise die höchsten in ganz Europa sind (ca. 42 Cent).

Aus meiner Sicht (ich habe wohl zu lange in Japan gelebt) ist es außerdem immer noch verwunderlich, dass ein so antiquierter und unpraktischer Dienst wie SMS immer noch vorhanden ist. In Japan wird schon lange alles via E-Mail abgewickelt. Fast jeder Nutzer hat neben seiner PC-Emailadresse meist auch noch eine separate Handy-Emailadresse. Und der Preiskrieg um die Handy-Emails ist bereits ausgefochten: nachdem Vodafone und DoCoMo in Japan erst Handy-Mailversand nur fuer Familienmitglieder (”Family Waribiki”) oder Lebensgefährten (”Love teikaku”) anboten, so ist abzusehen, dass die Mailkommunikation auf absehbare Zeit gänzlich kostenfrei wird. Warum geht das nicht in Deutschland?

Mangelnde Priorität auf der Infrastruktur lautet wohl die Antwort. Berichten zufolge (ich habe es selbst noch nicht getestet) soll es wohl äußerst umständlich sein, sich via UMTS einzuwählen, oft kommt es zum Verbindungsabbruch. In Japan und Südkorea hätte Handy-TV (und natürlich auch alle anderen mobilen Dienste wie bspw i-mode und Co.) keine Chance gehabt, wenn die Infrastruktur mit den gleichen Mängeln behaftet gewesen wäre, wie sie dies derzeit in Europa ist. Also, liebe Mobilfunkanbieter: zurück zum Brot- und Buttergeschäft!

E-Plus hat anscheinend aus seiner Pleite mit i-mode gelernt. Das Unternehmen ist nicht auf der CeBit vertreten, u.a. auch um seinen Protest gegen den Handy-TV-Hype auszudrücken. Ich bezweifle zwar, dass das Unternehmen bis zu meiner Rueckkehr nach Deutschland Ende des Monats ansprechende Datenübertragungs-Dienstleistungen anbieten wird, aber immerhin: ein Wille ist erkennbar. Wenn diese Hausaufgaben gemacht sind, wird irgendwann auch einmal i-mode in Deutschland erfolgreich sein. Nur wird man den Unterschied zum Internet dann nicht mehr merken… Die Software-Unternehmen, die schon jetzt Portale für mobile Nutzer konzipieren, werden die Gewinner von morgen sein. :mrgreen:


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2 Comments Add your own

  • 1. pato-chan  |  March 21st, 2006 at 9:22 am

    Interessanter Beitrag. Nur… Du meinst die sollen sich aufs Kerngeschaeft konzentrieren, sagst aber im naechsten Absatz es wird damit wohl bald kein Geld mehr zu machen sein. Dann beschwerst du dich ueber SMS. Wie sollen die dann Geld machen? I-mode war ja ein Flop, oder?
    Ich kann mich nog gut erinnern dass vielleicht vor 3 Jahren die Swisscom doch wirklich 2 Franken und einige Rappen wollten fuer dass verschicken von einem MMS-Bildchen auf dem Handy. Ich glaube dass die Europaeer noch immer dass gefuehl haben: Teurer schnickscnhack und keinen Bock haben auf diese Sachen. Ich ueberigens habe nur ein Haendy fuers telephonieren. Obwohl ich email drauf habe benutz ich dass fast nie. Es gibt aber Hoffnung. Europaer sind bloed genug 42 cent zu zahlen fuer 128 zeichen (256?).
    Eine interessante Frage fuer mich ist warum ist in Europa die Haelfte der Handies prepaid, waehrend es dass hier in Japan fast nicht gibt. Gibt es da einen Grund?

  • 2. Alex  |  March 27th, 2006 at 1:23 pm

    Ok, meine Beschwerde ueber SMS war natuerlich aus der Sicht eines Verbrauchers, das gebe ich zu. Fuer die Mobilfunkunternehmen ist SMS natuerlich die “Killer-Applikation” mit der sich richtig viel Geld verdienen laesst. Aber die Gefahr, dass SMS mit technologischem Wandel von einem Tag auf den anderen obsolet wird, ist gegeben. Deshalb investieren die Mobilfunkunternehmen ja auch in UMTS-Infrastruktur. Denn die Verbraucher lassen sich nur solange mit einem niederwertigen Produkt “gefangenhalten”, solange es keine erstzunehmenden Wettbewerber gibt, die alternative Dienstleistungen anbieten, und gluecklicherweise (fuer die Marktteilnehmer) ist das bislang in Europa auch noch niemandem gelungen.

    Deshalb ist meine Empfehlung, sich auf das Kerngeschaeft zu konzentrieren, eine Aussage, die vermutlich kurzfristig gesehen fuer die Unternehmen keinen Sinn macht (SMS ist ja profitabel), aber langfristig gesehen die Flucht der Verbraucher in alternative Technologien verhindert. Und mit den Gebuehren fuer Datenuebertragung laesst sich immer noch Geld verdienen (die Japaner machen es vor) - naemlich dann, wenn die Verbraucher monatliche Pauschalpreise zahlen und die Pakete dann nicht vollstaendig nutzen. In Europa koennen die Unternehmen jedoch keine Flatrates anbieten, da die Infrastruktur fehlt (wir sind wieder am Anfang des Artikels…)

    Zu hohe Preise fuer neue Dienstleistungen (und das liegt auch an der mangelnden Infrastruktur, die hohe Datenuebertragungen teuer/unmoeglich macht) bewirkt die von Dir oben angesprochene Konsumzurueckhaltung. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Deutschen sehr viel mehr Emails ueber das Handy versenden wuerden, wenn der Dienst preiswerter und komfortabler waere (nicht wie jetzt “bitte senden Sie eine SMS an die Nummer blablabla und sie wird in eine Mail umgewandelt…”)

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