Verbeugungshäufigkeiten
February 28th, 2006 at 10:59pm Alexander Müller

Ein gewohntes Bild im Jahrzehnt der Unternehmenskrisen in Japan: nach Skandalen sitzt das Management mit Tränen in den Augen in der Pressekonferenz und bittet öffentlich und unter viel Aufmerksamkeit um Vergebung. Die Phrasen sind bekannt (”fukaku owabi shimasu” – entschuldige mich von Herzen, über “meiwaku okake shimashita” – habe Unannehmlichkeiten ausgelöst, etc.). Nach den Entschuldigen beginnen die oft minutenlangen Verbeugungen unter Blitzlichtgewitter der Journalisten. Am nächsten Tag sieht man die Köpfe der Manager (von oben, wegen Verbeugung) auf der Titelseite der Zeitung und in zwei Wochen neigt die Öffentlichkeit zur Vergebung der Verfehlungen, seien es Bestechlichkeit, Betrug, etc. Man ist ja nachsichtig, wenn sich jemand entschuldigt.
In Japan scheint man an der Tiefe und Häufigkeit der Verbeugung den Grad der Reue zu messen. Daher finde ich es auch nicht weiter verwunderlich, dass diese Woche bei den Pressekonferenzen des Abgeordneten Nagata (der sich Verleumdung hat zuschulden kommen lassen) TV Asahi zu einem neuen Hifsmittel griff: die Länge und Häufigkeit der Verbeugungen werden mit einem Sekundenzähler am rechten Bildschirmrand exakt vermessen. Die Reue-Bilanz am Ende der Pressekonferenz betrug exakt 14 Verbeugungen, die Länge der Verbeugung betrug durchschnittlich 10 Sekunden!
Damit wird Nagata wohl seinen Sitz im Unterhaus behalten dürfen. Nachdem er den Sohn eines Abgeordneten beschuldigte, von Lifedoor-Ikone Horie Bestechungsgelder in Höhe von 30 Mio Yen überwiesen bekommen zu haben, löste er einen öffentlichen Aufruhr aus. Als sich jedoch herausstellte, dass Nagata für diese Behauptung keinerlei stichhaltige Beweise hatte, entzog sich Nagata für einige Tage dem Medienrummel und trat heute schließlich der Presse entgegen. Der Verbeugungsmarathon und Phrasendresch wurde lang und breit übertragen und überlagerte sogar teilweise den Rummel um Eisläuferin Asakawa, die in Turin Gold (und Japans einzige Medaille) holte. Nur nebenbei: langsam nervt es auch, zum hundertsten Mal den Sturz von Cohen und der russischen Kollegin, gepaart mit Asakawas Triumpf zu sehen. Aber das ist eine andere Geschichte. Es sei Asakawa gegönnt, dass sie Gold gewann. Sonst müsste sie sich jetzt in Pressekonferenzen verbeugen.
Abschließend: es ist auch positiv, wenn man scheiternden Managern vergibt. Denn dadurch steigt der Mut, auch einmal risikoreiche Projekte anzugehen bzw. innovative Ideen (bspw. in Unternehmens-Neugründungen) umzusetzen. Empirische Studien zeigen, dass eine Gesellschaft, in der Scheitern von Unternehmern geächtet ist und meist keine zweite Chance gegeben wird (wie bspw. in Deutschland), Entrepreneurship im Keim erstickt. Der Umkehrschluss ist jedoch nicht valide: Leider trägt jedoch die Vergebensbereitschaft in Japan nicht zu einer erhöhten Zahl von Unternehmensgründungen bei. Aber das hängt mit den mangelnden Märkten für Risikokapital zusammen – die weichen Faktoren stimmen zumindest…
Dieser Beitrag gehört zu den Kategorien Japanische Wirtschaft, Entrepreneurship & Innovation und ihm wurden die Keywords japan, politik, skandal, unternehmen, manager, horiemon, entrepreneurship zugeordnet (Tag-Wolke anzeigen).
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