Blogging oder Veröffentlichung? Ein Plädoyer für kreatives Schreiben als Doktorand
January 13th, 2006 at 08:46pm Alexander Müller

“Publish or Die!” Diese weit bekannte Äußerung aus dem Wissenschaftsbetrieb hat wohl jeder Doktorand schon einmal gehört. Der Zwang, wissenschaftliche Veröffentlichungen zu produzieren, ist sicherlich in angelsächsischen Ländern noch weiter verbreitet, aber auch hierzulande (und damit meine ich heute ausnahmsweise mal nicht Japan, sondern Deutschland) liegt ein gewisser Druck auf dem durchschnittlichen Doktoranden. Selbst wenn man im Anschluss an die Promotion keine wissenschaftliche Karriere anstrebt, so ist es doch gut, zumindest einige Veröffentlichungen im Lebenslauf zu haben, nicht nur hinsichtlich der späteren Bewerbung auf einen Job, sondern auch als unterstützende Qualifikation in der Disputation (Verteidigung der Dissertation vor dem Prüfungsausschuss). Auch helfen Veröffentlichungen dabei, die eigene Arbeit fokussiert darzustellen (sofern man nah am Thema der Dissertation veröffentlicht) bzw. auch mal über den Tellerrand des eigenen Themas hinwegzusehen und sich in neue Themenbereiche einzuarbeiten.
So weit, so gut. Ich möchte gar nicht bestreiten, dass Veröffentlichungen sinnvoll sind. Aber ich würde dazu jetzt nichts schreiben, wenn ich dazu nicht eine eigene Meinung hätte. Zunächst einmal: warum verwende ich als Doktorand Zeit aufs Blogging, wo man doch (mit ein wenig mehr Arbeitseinsatz, Quellenstudium und wissenschaftlicher Schreibweise) sicherlich mit den fürs Bloggen aufgewendeten Ressourcen auch einige passable Artikel zur Veröffentlichung zustande bekommt?
Kreatives Schreiben beim Blogging
Die Antwort ist vielschichtiger als: “es macht einfach Spaß”. Vielmehr bin ich der Ansicht, dass Blogging ein hervorragendes Werkzeug ist, um kreatives Schreiben zu trainieren. Auch wenn die Angst vor dem leeren Blatt unter Doktoranden nicht weit verbreitet ist, so kommt es doch teilweise zu Produktivitätsstaus und kleineren Schreibblockaden in der täglichen Arbeit. Da tut es oft Wunder, wenn man zwanglos einige Zeilen zu den Dingen zu Papier bringt (in den Computer hacken trifft es wohl eher), die einem gerade durch den Kopf gehen. Oft entwickelt sich aus einem thematisch völlig fremden Blogeintrag dann eine neue Idee, die man in den Zettelkasten übernehmen kann (Erklärung: ich arbeite nach dem sog. “Zettelkasten-Prinzip”, bei dem man jeden Gedanken/ jedes Argument auf einen DIN A5-Zettel schreibt, und diese dann im Laufe der Zeit in die richtige Reihenfolge für eine Veröffentlichung bringt, siehe Umberto Ecco, “Wie man eine wissenschaftliche Abschlussarbeit schreibt“).
Kreatives Schreiben will Anleitung zum Schreiben sein - ohne notwendigerweise anspruchsvolle Texte zu produzieren. Oft geht es darum, Spaß am schreibenden Umgang mit Sprache zu vermitteln oder die eigene soziale bzw. individuelle Rolle zu reflektieren. Allenfalls als Fernziel rückt dabei eine Textproduktion in den Blick, die höheren Ansprüchen genügen kann und auf Veröffentlichung abzielt. Die Grundzüge des amerikanischen Creative Writing waren allerdings von Anfang an darauf ausgerichtet, zu professionellem Schreiben anzuleiten. Aus diesem Grunde sollte Blogging meiner Meinung nach auch weniger die Funktion eines Tagebuchs erfüllen, sondern vielmehr bestimmten Themenschwerpunkten zugehörig sein, die nicht allzu weit vom “Fernziel” entfernt sind.
Beim Kreativen Schreiben kommen Methoden zum Einsatz, mit deren Hilfe man Schreibblockaden abbauen, die Motivation steigern und beim Schreiben Selbsterfahrung machen kann. Die eingesetzten Kreativitätstechniken und -methoden sind zum Teil für das Kreative Schreiben entwickelt worden, weitere entstammen anderen kreativen Arbeitsfeldern. (Quelle: Wikipedia)
Beispiele aus dem Methodenkasten für kreatives Schreiben sind:
- Freewriting
- Journal-Writing
- Brainwriting
- Cluster (Kreatives Schreiben)
- Brainstorming
- Mindmapping
Beim Blogging angewendete Kreativitätstechniken
Die hauptsächlich beim Blogging angewendeten relevanten Techniken sind (1) Freewriting und (2) Journal-Writing.
- Freewriting
Freewriting wurde unter diesem Namen von Ken Macrorie in den 1960er Jahren eingeführt, ist aber tatsächlich wesentlich älter. So finden sich in allen Schriftkulturen Formen des freien, d. h. nicht zielorientierten Schreibens. Der Schreibende sitzt vor einem leeren Blatt und beginnt zehn Minuten lang möglichst zügig und ohne Unterbrechung zu schreiben, d. h. der Stift wird nicht abgesetzt. Jeder Einfall wird notiert. Die hohe Geschwindigkeit soll verhindern, dass eine Reflexion während der Schreibphase den Schreibfluss blockiert. Zu den Notizen gehören Satzfragmenten, Bilder, sprachliche Rhythmen, Wiederholungen, Assoziationen etc. Bleiben neue Einfälle aus (was vor allem bei Anfängern früh der Fall ist), werden einfach die letzten Worte wiederholt oder der Stift wellenartig über das Papier bewegt, bis sich ein neuer Einfall einstellt. (Quelle: Wikipedia ) - Journal-Writing
Journal-Writing (Journal-schreiben; Blaue Hefte; Gedankenbücher) ist die moderne Bezeichnung für eine Form des Führens eines täglichen Studienbuches. Im Unterschied zum Tagebuch dient das Journal nicht allein dem Notieren persönlicher Erinnerungen und Gedanken, sondern ist auf eine Sache hin ausgerichtet: Im Journal werden Ergebnisse der jounalistischen Recherche, der wissenschaftlichen Arbeit oder ähnlichen Projekten festgehalten. Im Unterschied andererseits zum Notizbuch oder zu Notizzetteln steht nicht nur die sachliche Information im Mittelpunkt, sondern bereits die persönliche Bewertung und Interpretation eines Sachverhalts. Ein Blog ist für diesen Zweck ideal. Obgleich die Tagebuchfunktion durch den chronologischen Aufbau des Blogs unterstützt wird, so wird man durch die Interaktion mit den Lesern dahingehend motiviert, auch eigene Interpretationen und Bewertungen hinzuzufügen.Als Methode des Kreativen Schreibens dient das Führen eines Journals dazu, kontinuierlich während der Arbeit an einem Thema ins Schreiben zu kommen und so im Schreiben zu bleiben. Es geht darum, den eigenen Schreibprozess besser kennen zu lernen und zu kontrollieren. (Quelle: Wikipedia)
Der Nutzen aus diesem kreativen Prozess ist meiner Meinung nach nicht zu unterschätzen! Dafür lohnt es sich auch, seine “seriösen” Publikationsaktivitäten etwas einzuschränken … und last but not least habe ich jetzt auch eine Entschuldigung dafür, wenn meine Blogging-Beiträge konfus geschrieben sind - es handelt sich schließlich um einen kreativen Prozess! ![]()
Dieser Beitrag gehört zu den Kategorien Promotion, Produktivität und ihm wurden die Keywords blog, internet, schreiben, promotion, doktorand, kreativität, freewriting, mindmapping zugeordnet (Tag-Wolke anzeigen).
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2 Comments Add your own
1. Silke | January 15th, 2006 at 2:19 am
sehr gut! stimme dir als Doktorandin völlig zu. Insgesamt muss man wohl sagen, dass es nicht so sehr darauf ankommt, sich nur und ausschliesslich auf die Diss. und damit verbundene Tätigkeiten zu konzentrieren, sondern dass man in den Momenten, wo man es dann tut, auch wirklich was schafft. Dass dazu eine relativ kontinuierliche Arbeit am Thema selbst notwendig ist, wird schnell klar.
Aber all die Dinge, die man nebenbei macht, können eben auch inspirierend sein und einem wieder Kraft geben für die Arbeit, darum geht es doch. Daher denke ich nicht nur die Entwicklung der Fähigkeiten, die fürs wissenschaftliche Schreiben notwendig sind, sondern auch andere Tätigkeiten können indirekt dazu beitragen, dass man sich in absehbarer Zeit promoviert. Blogging ist sicher noch eine der nutzbringenderen Tätigkeiten.
2. Martin | January 15th, 2006 at 6:20 am
Für mich ist “Blogging” wie freewriting. Und für mich zählt deutlich: “Es macht einfach Spaß.” Hinzu kommt, dass man als Führungskraft mehr Einfluss gewinnt (sowohl intern als auch extern), mehr Wissen oder auch Meinungen weitergeben kann und gerade bei Themen, die einem wichtig sind, schnell die eigene Meinung statt langwierig zu reproduzieren einfach “per Link einfügen” kann. Das ist wenigstens schick.
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