Einfluss der Unternehmensberater reduzieren
January 12th, 2006 at 08:01pm Alexander Müller

Schon seit längerem ist mir aufgefallen, dass der Mythos der Unternehmensberater eigentlich größtenteils nur noch von ihnen selbst stilisiert wird (bzw. von der Vielzahl von ehemaligen Beratern, die jetzt bei ihren Kunden sitzen - die meisten Berater arbeiten nur wenige Jahre im Consulting und wechseln früher oder später zu ihren Klienten). Mein Eindruck ist, dass sich in immer mehr Unternehmen die Überzeugung breit macht, dass man mehr auf interne Ressourcen vertrauen sollte. Dem radikalen Wandel von Unternehmensinhalten wird ein inkrementeller, langfristiger Ansatz vorgezogen.
Folgenden Artikel fand ich interessant, weil er meine Meinung ganz gut widerspiegelt:
Zetsche will Kosten und Einfluss der Berater reduzieren
STUTTGART/DÜSSELDORF – DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche will nach Angaben der Zeitung “WirtschaftsWoche” die Kosten und den Einfluss von Unternehmensberatern wie McKinsey im Konzern deutlich reduzieren. Beim Einsatz von Unternehmensberatern wolle er künftig “eher restriktiv als offensiv” vorgehen, sagte Zetsche. “Wenn Sie meinen bisherigen Werdegang verfolgt haben, dann werden Sie feststellen, dass ich weder bei Freightliner noch bei Chrysler in irgendeiner Form Berater involviert habe. Die eigentliche Entwicklung eines Unternehmens ist für mich die originäre Aufgabe des Managements.”(Quelle: is, dpa 11.1.2006)
Ist es eine Armutserklärung für das Management, wenn das Unternehmen Berater ins Haus holt? Diese Frage lässt sich nur schwer beantworten, aber die grundsätzliche Aussage von Zetsche ist wohl eher so zu verstehen, dass man das eigene Management in die Lage versetzen sollte, die Probleme selbst zu finden und zu lösen. Berater sind teuer, verkaufen in vielen Fällen nur standardisierte Lösungen (ERP-Einführungen, Abbau der “Lähmschicht” mittleres Management, Overhead Value Analysis, etc.) und verdrücken sich häufig auch rasch wieder, wenn es an die Implementierung geht. Darüber hinaus wird das eigene (insbesondere mittlere) Management demotiviert - frei nach dem Motto: “Ihr könnt das Problem nicht lösen, deshalb holen wir jetzt McKinsey ins Haus.” Auch wenn sich durch einen inkrementellen Ansatz viele Probleme nur auf lange Sicht lösen lassen - die Dampfhammermethode auf Grundlage bunter Powerpoints richtet manchmal mehr Schaden an, als sie Nutzen stiftet. Denn selbst wenn die Probleme erkannt werden, so müssen sie immer noch aufgenommen werden… das “Not invented here - Syndrom” lässt grüßen!
Um jedoch wie Zetsche agieren zu können, muss man das eigene Management methodologisch ausbilden. Und ich meine damit nicht die “Kästchen-BWL” (4Cs, 4Ps, Wertschöpfungskette, Portfolioanalyse, Lernkurve, und wie sie alle heissen), sondern vielmehr in “critical thinking“.
Die Fähigkeit, auf konzeptueller Ebene Probleme zu erkennen und Strukturen zu ihrer Lösung zu entwickeln, dürfte bei vielen Mitarbeitern unterentwickelt sein. Ausbildung kann hier Wunder bewirken, und zwar ohne hohe Kosten und Demotivation, die (oft) mit dem Einsatz von Beratern einher geht. Als Einsteiger-Lektüre empfehle ich: “Critical Thinking - an Introduction” und - leider nur auf Japanisch verfügbar - “問題解決プロフェッショナル, [Professional Problem Solving]”.
Mit dieser Methodologie bewaffnet dürften sich ebenso gute Resultate erzielen lassen. Warum das so ist? Selbst bei intellektueller Überlegenheit (bei den Mekkies arbeiten ja angeblich nur Klassenbeste…
) haben die Mitarbeiter im Unternehmen in jedem Fall detaillierteres Fachwissen als Externe, was die “Doofheit” kompensieren sollte.
Anmerkung: nicht missverstehen, dies ist keine grundsätzliche Kriegserklärung an die Beraterzunft! In vielen Fällen bringt der “unverstellte Blick” eines Dritten tatsächlich gute Resultate hervor, und der Einsatz von Beratern hat oft auch mikropolitische Gründe, um unerfreuliche Entscheidungen zu legitimieren. Auch für spezifisches Wissen, das im Unternehmen nicht vorhanden ist, werden sie weiterhin benötigt. Aber die Heldenverehrung der vergangenen Jahre ist wohl teilweise verloren gegangen…
Ich kann nur hoffen, dass sich weiterhin Deutschland resistent gegen den MBA-Boom und Elite-Business-Schools zeigt, denn nicht immer ist alles Gold was glänzt (wer wissen möchte, was ich damit meine, sollte sich einmal Minzbergs neuestes Buch zu Gemüte führen, in dem er die “Erfolge” von MBA-Absolventen berühmter Business Schools auf breiter Ebene untersucht, schauder schauder). In diesem Sinne: auch wenn die eigenen Manager keine Nadelstreifen tragen, so sollte man ihnen doch mehr zutrauen!
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4 Comments Add your own
1. Kalyxo | January 13th, 2006 at 6:25 am
Über diesen Eintrag habe ich mich gefreut und möchte ihn gerne unterstreichen. Aus eigenen Erfahrungen weiss ich, dass das Schwärzen von Papier und die Dampfplauderei besonders unter denen verbreitet ist, denen es an Vorzeigbarem, Ergebnissen und konkreten Vorschlägen fehlt.
Kein Wunder, dass vielen inhabergeführten Unternehmen nachgesagt wird, “beratungsresistent” zu sein, wenn sogenannte Berater in der Implementierung schlecht oder nicht vorhanden sind.
2. Patrick | January 14th, 2006 at 9:54 pm
Ich finde diesen Artikel sehr gut und kann aus eigener Erfahrung berichten, dass bei dem Automobilbauer mit dem Stern die Beraterverträge als erstes gekürzt werden, sobald Einsparungen angesagt sind. Das war auch schon vor Zetsches Zeiten so.
Auch die Frustration im unteren und mittleren Management war zu spüren sobald von neuen Beraterverträgen gesprochen wurde. Viele fühlten sich ihrer Kompetenzen beraubt und für inkompetent erklärt.
3. pato-chan | January 18th, 2006 at 7:25 pm
Ich zitiere aus deinem Vertrauensbericht:
“Hinzu kommt, dass die Legitimation von harten Maßnahmen durch die Nutzung von “scape goats” (nämlich den ausländischen Expats von Renault bei Nissan) durchgeführt wurde.”
Dazu sind Unternehmensberater gut.
Ich habe ein Freund der Unternehmensberater ist. Sehr netter Type. Er hat mir aber nie erklaeren koennen was ein Unternehmensberater eigenlich so macht.
Benutzen Japanische Firmen eigenlich genau so oft Unternehmensberater wie Deutsche Firmen?
(Ist ein Mitarbeiter von eine andere Zaibatsugruppefirma auch ein Unternehmensberater?)
4. Alex | January 19th, 2006 at 1:15 pm
Richtig, bei Nissan wurden auch Consultants benutzt. Ich kenne sogar die Firma…
Mehrere Consultants in meinem Umfeld haben bestaetigt, dass japanische Firmen eher Consulting-resistent seien. Ineffizienzen (gerade in “white collar”-Bereichen) zwingen aber anscheinend einige zum Umdenken. Auch auslaendische Beteiligungen an japanischen Firmen fuehren zur staerkeren Nutzung von Consultants.
Mein Eindruck: Japanische Consultants arbeiten laenger als in westlichen Laendern (es wird ja erwartet, dass man laenger als die Klienten arbeitet, und das ist in Japan ja nicht so ganz einfach bei den Ausmass der Ueberstunden) und sind eher implementierungsorientiert, d.h. sie bleiben waehrend des gesamten Projektes beim Kunden.
Der Begriff des Unternehmensberaters ist nicht genau definiert (dazu zaehlt alles, vom SAP-Berater bis zum Strategieberater), daher kann man auch Keiretsu-Entsendete wohl nicht ausschliessen. Allerdings ist die landlaeufige Definition wohl so zu verstehen: Unternehmensberater = Top-Managementberatung a la McKinsey, Bain, Booz Allen, Boston Consulting, Deloitte, etc.
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