Japans Reformen - eine Illusion?
January 19th, 2006 at 10:46pm Alexander Müller

Das Nikkei-Börsenbarometer zeigte gestern einen Tagesverlust in Höhe von 2,94 Prozent, Kapital im Wert von etwa 250 Mrd. Euro ging verloren. Nach dem lawinenartigen Rutsch an der Tokioter Boerse stellt sich die Frage, warum das Vertrauen in den Aktienmarkt so gering ist, dass eine einzige Firma (in diesem Fall die Internetfirma Livedoor) mit einem geringfügigen Bilanzfehler von 10 Mio. Euro eine solche Panik verursachen kann. Vielerorts wurde das Argument angeführt, dass der Livedoor-Skandal ein Beleg dafür sei, dass die Reformen (die Japan seit mehr als einem Jahrzehnt angeht) überhaupt nicht stattgefunden haben. Die Boersenkrise führte im Ausland, besonders in Deutschland (wo das Thema Reformen ja gerade aktuell ist) zu Häme. Die Feststellung deutscher Aktienhändler, Deutschland sei bereits sehr viel weiter in seinen Reformbestrebungen, betrachte ich sehr kritisch. Man muss dabei nämlich Reformen im Unternehmensbereich und staatlichem Bereich eindeutig trennen.
Reformen in japanischen Unternehmen - noch viel Nachholbedarf
Japans Reformen im Unternehmensbereich werden vor allem von Japanern als positiv dargestellt. “Japans Bankensektor durchlebte in den vergangenen Jahren tief greifende Veränderungen. Notleidende Kredite zum Beispiel wurden drastisch abgebaut. Und auch in anderen Branchen vollzogen sich strukturelle Reformen”, gab sich vor wenigen Wochen beispielsweise noch Kazuhiko Ogata optimistisch, Japan-Ökonom von Alliance Capital Management.
Tatsaechlich muss aber, wie die Panik um den Livedoor-Bilanzskandal zeigt, der Optimismus hinsichtlich Unternehmensreformen etwas zurueckgeschraubt werden. Auch wenn bspw. im Bankensektor faule Kredite abgeschrieben wurden, so kann noch bei weitem nicht die Rede von transparentem Management sein. Dies soll aber nicht bedeuten, dass sich die deutschen Kommentatoren weit aus dem Fenster lehnen sollten, wie bspw. der Kölner Vermögensverwalter Markus Zschaber den Kurseinbruch in Japan gegenüber manager-magazin.de kommentiert:
“15 Jahre lang haben die Japaner vergeblich versucht, ihren daniederliegenden Aktienmarkt auf Vordermann zu bringen. Zuletzt haben sich vor allem ausländische Investoren offenbar von der Aussicht auf endlich wirkende Reformen blenden lassen. Genau damit sind wir hier in Deutschland aber schon entscheidend weiter, und deshalb fürchte ich kein nachhaltiges Übergreifen des Kursrutsches auf deutsche Aktien.”
Er mag damit Recht haben, dass die Reformen in deutschen Unternehmen weit fortgeschritten sind, was Effizienz angeht. Tatsächlich haben in den vergangenen Jahren vor allem Deutschlands Unternehmen wieder enorm an Wettbewerbskraft gewonnen. Die Gewinne der 30 bedeutendsten deutschen Aktiengesellschaften beispielsweise, deren Anteilsscheine im Dax30-Aktienindex notiert werden, haben im vergangenen Jahr fast ein Drittel mehr verdient als noch 2004, und damals verdienten sie bereits so gut wie nie zuvor.
Aber: in Sachen Transparenz sind die deutschen Unternehmen keineswegs weiter als in Japan. Aufsichtsräte, die ihren Kontrollaufgaben nicht nachkommen, und Klungeleien mit den Betriebsräten etwa sind Dinge, die in Japan kaum vorkommen. Japan hat ein dem US-amerikanischen Boardsystem ähnliches Modell, die Anzahl der externen Boardmitglieder wurde in den letzten Jahren extrem erhoeht, was das gestiegene Bewusstsein an Corporate Governance belegt.
Staatliche Reformen - Japan hat bei Deregulierung die Nase vorn
Viel wichtiger ist aber, dass Japan im Bereich der staatlichen Reformen (Arbeitsmarkt, Regulierung, Staatsquote, etc.) ganz klar die Nase vor Deutschland hat. Japan hat früher mit Strukturreformen begonnen, nämlich bereits Anfang der 1990er Jahre, als man in Deutschland noch gar nicht wahrhaben wollte, dass das System Änderungen nötig hat. Die augenblickliche Diskussion um Reformen, die in Deutschland schließlich in der Großen Koalition gründete (Spiegel titulierte “Alle Macht fuer keinen”) wurde in Japan bereits ausgetragen: Koizumi hat bspw. mehrere Reformen (Wettbewerbspolitik, Arbeitsmarkt) auf den Weg gebracht, und wurde sogar kürzlich erst in seinem Amt bestaetigt, um weitere “radikale Reformen” zu Ende zu bringen. Stattdessen ist in Deutschland jedem klar, dass Reformen notwendig sind, aber keiner wagt den Anfang, geschweige denn gibt seine Pfründe frei.
Die Auswirkungen der staatlichen Reformen Japans wird im Ausland stark unterschätzt. So ist auch zu erklaeren, dass der Aktienrutsch hauptsächlich von ausländischen institutionellen Anlegern ausgelöst wurde, deren Vertrauen in Japan anscheinend relativ gering ist. Ihnen fehlt der Überblick vor Ort. Der mögliche Bilanzskandal um das japanische Internetunternehmen Livedoor hat wohl die Erinnerung an die Zeit zusammenbrechender Banken in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde geweckt - und auch Zweifel, ob es tatsächlich die Reformen in dem Land gegeben hat. Eindeutige Panikmache: meiner Meinung nach ist Japan sehr viel weiter mit den Reformen im Unternehmensumfeld, als Deutschland (und im übrigen auch als viele weitere westliche EU-Staaten).
Deutschland kann sich hier ruhig eine Scheibe abschneiden. Denn egal, wie gut die Unternehmen ihr Geschäftsinhalte reformieren (durch Abbau von Überkapazitäten etc.), sie bewegen sich in einem Umfeld, dass vom Staat gesetzt wird. Und dieses Umfeld wird auf lange Sicht gesehen auch starken Einfluss auf den Aktienmarkt ausüben. Meine Nachricht an die deutschen Aktienhändler: Fragt Euch mal, warum die Finanzszene verstärkt nach London abwandert… weil es nämlich in Deutschland eine umfassende deregulierende Reform wie den Thatcher’schen “Financial Big Bang” nicht gegeben hat. Hochmut kommt vor dem Fall…
Dieser Beitrag gehört zu den Kategorien Japanische Wirtschaft und ihm wurden die Keywords nikkei, japan, unternehmen, reformen, tokyo, aktien, livedoor, horiemon, deutschland, finanzen, wettbewerb, corporate governance zugeordnet (Tag-Wolke anzeigen).
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5 Comments Add your own
1. pato chan | January 20th, 2006 at 10:30 am
“umfassende deregulierende Reform”? Mit dieser Grosse Koalition? Es soll ja angeblich wunder geben. Aber ich glaube heute nicht.
“Viel wichtiger ist aber, dass Japan im Bereich der staatlichen Reformen (Arbeitsmarkt, Regulierung, Staatsquote, etc.) ganz klar die Nase vor Deutschland hat. ”
Was fuer reformen sind denn dass? Ich glaube mal dass die Ausgangslage total anders ist. Zum beispiel das Problem der Fehlende “Mobilitaet” von Arbeitnehmer ist ja in Deutschland ein Problem des Staates, hier ist dass ein Problem der Firmen. Oder?
Wenn der Japanische Staat nur darauf wartet bis der Koizumi weg ist um die Steuer von 5 bis 10(?) anzuheben, wass hat dass dann mit “streamlining the government” zu tun? (Bei mir zuhause zahlen wir glaube ich 19%).
10 Millionen : 250 Milliarden, ist dass Oekonomie oder Psychatrie?
WIe immer ein super Blogeintrag. Ueberigens in deine Poll steht meine Antwort nicht: Mach so weiter, oder frei nach mein “landgenoot”: Lass mich ueberrasschen,…
2. Martin | January 21st, 2006 at 8:02 am
TAKAFUMI HORIE
Der Mann, der Tokios Börse blamierte
Heute stürzte Tokios Börse ab, erstmals in der Geschichte wurde der Handel vorzeitig beendet. Und alles wegen eines 33-jährigen Internet-Unternehmers, der Japans Geschäftswelt mit seinen schillernden Auftritten verschreckte. Wer ist der Mann, der Anleger in aller Welt zum Zittern brachte?
3. Alex | January 24th, 2006 at 2:31 pm
Horie hat sich Lauf des vergangenen Jahres gewandelt von einem Entrepreneur, der Wind in die Chefetagen alter japanischer Unternehmen brachte (u.a. durch die versuchte Übernahme von Fuji TV), zu einem Politiker, und schließlich zu einem skandalträchtigen Pleitier. Gestern wurde er wegen Kursmanipulation verhaftet. Um sein Privatvermögen soll es auch nicht gut bestellt sein… Schade eigentlich, denn der frische Wind wird wohl wieder zur Flaute werden…
Mit Reformen meine ich die Vielzahl von wirtschaftspolitischen Reformen, die Japan auf den Weg gebracht hat. Allerdings hat Pato recht, es gibt auch kritische Stimmen dazu. Ein interessanter Beitrag ist dieser hier, der Kultur als Hemmschuh für wipol. Reformen in Japan identifiziert.
Und hier habe ich noch eine Gegenfrage: warum ist die fehlende Mobilität der Arbeitnehmer in Japan ein Problem? Man kann auch so argumentieren: fehlende Mobilität in Japan schafft den Anreiz für Arbeitnehmer, langfristig firmenspezifisches Wissen zu akkumulieren. Problematisch finde ich an Japan nur den hohen Grad an Ineffizienz.
Regulierung, Protektion und die schwache Position der Fair Trade Agency (fehlende Ahndung von Kartellen etc.) wurde jedoch teilweise durch Reformen in Japan von staatlicher Seite aus gelöst, in Deutschland hingegen traut sich kaum jemand an den Wust von Subventionen und Steuerschlupflöchern…
Meine Meinung auf den Punkt gebracht: in Japan reformiert der Staat, in Deutschland die Unternehmen… Kritik nehme ich gerne entgegen!
4. pato-chan | January 24th, 2006 at 4:46 pm
Ich glaube wir sind auf gleicher Linie. (nuh ja so ungefaehr)
Du sagst in Japan bewegt der Staat, in Deutschland die Unternehmen.
Ich sage in Japan sollten die Unternehmen bewegen, in Deutschland der Staat.
Auf deine Gegenfrage. Vielleicht habe ich es ein wenig falsch formuliert. Ich behaupte einfach mal dass es fuer ein Japaner keinen Anreiz gibt. Der Job ist entweder sicher (sarariman) oder nicht (fureeta). Wass ich meinte ist dass in D dass Ende einer Arbeitsbeziehung ein Problem des Staates ist. (Kundigunsschutzt, Arbeitslosengeld, Arbeitsunfaehigkeit, Arbeitsbeschaffungsmassnahmen usw.) In Japan gibts 3 monaten und hello work und dass war’s. Wenn der Suzuki-san aber von der A-kaisha gekuendigt wird, lauft der A-kaisha aber die Gefahr dass der Suzuki-san sich auf der Chuo-linie hinlegt (=>Problem fuer die A-kaisha
Ich weiss nicht so gut bescheit ueber die Reformen der Jp Regierung. Viel hoert mann davon ja nicht. Also glaube ich dir einfach mal (wirklich). Ich behaupte einfach mal dass diese Regulierung und Protektion in dem Fall jetzt durch anderen wahrgenohmen wird. Verein der blabla sagt dass nur “burabura” den spezielen Anspruechen der Japanische Seele gut tut und obwohl der Jp Staat kein Problem damit hat dass Deutsches Blabla importiert wird, ist es nirgends zu bekommen weil keiner es haben will. (ersetze blabla durch Skis, Fleisch, Reis, Medizin, Electronic, Strassen, Schienen und Zuege. Seele durch Schnee, Darm, Sitution, Gewohnheit, Gesundheit, Industrienorm, Lifestyle etc.)
5. Alex | February 10th, 2006 at 11:33 am
Die Deutschlandstudie des Wirtschaftsmagazins “The Economist” bestätigt, dass die Reformen in Deutschland noch längst nicht abgeschlossen sind: der Berlin-Korrespondent des “Economist”, Ludwig Siegele, stellt dem Land nicht gerade ein gutes Zeugnis aus. Zwar wiesen die ökonomischen Eckdaten wieder steigende Wachstumsraten aus und auch einige wichtige Reformen seien in den vergangenen Jahren in Gang gesetzt worden, erklärt er. Doch bei genauerem Hinsehen werde deutlich, dass Deutschland seine strukturellen Probleme noch lange nicht gelöst habe. Deshalb hat er seine Studie “Waiting for a Wunder” betitelt.
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