Seikan – der längste Tunnel der Welt

December 13th, 2005 at 10:07pm Alexander Müller

Im Norden Japans befindet sich der längste Tunnel der Erde. Der Seikan-Tunnel verbindet die Hauptinseln Honshu und Hokkaido und verläuft auf seinen 53,9 km ca. 23 km unter dem Meer.
Im August 2005 nahm ich an einer Führung durch den Tunnel teil.

Geschichtliches
Pläne zum Bau des Tunnels gab es bereits seit dem Jahre 1946. Die Genehmigung zum Start der Arbeiten wurde vom japanischen Ministerium für Transport erst im Jahre 1971 erteilt. Im Oktober 1971 begannen die Bauarbeiten.

Man wählte nicht die kürzeste Verbindung zwischen den Hauptinseln Honshu und Hokkaido, weil die Beschaffenheit des Bodens unter dem Meer den Bau eines Tunnels erschwerten. Aber auch der Bau des Tunnels auf der etwas längeren Strecke, die ca. 20km lang unter dem Meer verläuft, brachte die Bauunternehmen mehrere Male in arge Bedrängnis. Wassereinbrüche erschwerten die Arbeiten, so dass mehrere Male die Aufgabe des Baus drohte. Eine Vielzahl von Tunnelarbeitern kamen ums Leben. Erst 1988 wurden die Arbeiten abgeschlossen und der Zugverkehr aufgenommen.

Die Führung durch den Seikan-Tunnel
Von Aomori (der nördlichsten Präfektur in Honshu) aus geht es los. Dies ist übrigens auch der Grund, warum der Tunnel Seikan (青函) heißt: die Schriftzeichen bilden jeweils die ersten Kanji der Städte Aomori (青森 auf der Hauptinsel Honshu) und Hakodate (函館 auf Hokkaido) ab, die der Tunnel miteinander verbindet. In Aomori buchte ich im Reisebüro des Bahnhofs eine Besichtigung des Seikan-Tunnels. Als Besitzer eines Japan Rail Pass zahlte ich für die Tour einen Aufpreis in Höhe von etwa 5.000 Yen.

Man muss sich bei der Tour entscheiden, welchen der beiden Unterwasserbahnhöfe man besichtigen will. Die Entscheidung war leicht: während im nördlichen Bahnhof (Hokkaido-Seite) anscheinend eine Manga-Erlebniswelt für kleine Kinder (Doraemon World) eingerichtet wurde, beschäftigt sich der Südteil mit der Geschichte des Tunnels selbst, und man kann dort sogar mit der alten Zahnradbahn der Tunnelarbeiter bis an die Oberfläche am Meer fahren. Ich entschied mich natürlich für den Südbahnhof, dessen Name „Tappi Kaitei“ ist.

Die Tour verläuft folgendermaßen. Man bekommt die Zeit für den Zug mitgeteilt, den man nehmen muss. Den sollte man tunlichst nicht verpassen, da pro Tag nur zwei Züge im Tunnel am Unterwasserbahnhof anhalten: einer bringt die Besucher, der andere holt sie wieder ab. Während der Fahrt bekommt man dann mitgeteilt, in welchen Wagen des Zugs man sich begeben muss, da nur eine Tür des Zugs im Unterwasserbahnhof geöffnet wird. Die Kontrollen sind sehr streng und man sollte seine Tickets etc. parat halten.

Vom Unterwasserbahnhof, der kalt und feucht ist, geht die Besichtigung los. Man läuft durch endlose Stollen und Luftschleusen und bekommt allmählich ein Gefühl für die gewaltigen Ausmaße des Tunnels. Wenn man schon einmal einen Bericht vom Eurotunnel gesehen hat, wird man überrascht. Im Seikan ist es keineswegs sauber und modern, teilweise steht Wasser in den Stollen, graues Gestein verleiht ihm eine unheimliche Athmosphäre. Der Führer der Gruppe (etwa 15 Besucher) teilt geschichtliches mit und führt die Werkzeuge vor, mit denen der Tunnel gegraben wurde. Anscheinend sind beim Bau des Tunnels viele Arbeiter ertrunken oder wurden von Steinen erschlagen.

Die alte Zahnradbahn bringt die Besucher kurz an die Oberfläche, wo man am Zipfel des Kaps einen kurzen Spaziergang machen kann. Der Weg führt auch an einem Massengrab für die umgekommenen Tunnelarbeiter vorbei, die Geschichten stimmten wohl tatsächlich. Nach einer Besichtigung des Tunnel-Museums (das mit allerlei Informationen aufwartet, wie etwa zum Vergleich von Eurotunneln und Seikan-Tunnel), geht es mit der alten Zahradbahn wieder ins Erdinnere, wo uns nach kurzer Wartezeit wieder der Zug von Japan Railways aufsammelt und weiter nach Hakodate bringt. Obwohl ich kein Klaustrophob bin, so atmet man doch unwillkürlich tief durch, der Enge unter dem Meer entkommen zu sein…

Zum Schluß muss ich die Leser, die auf den Geschmack gekomme sind, warnen – die Führung durch den Seikan-Tunnel soll angeblich demnächst eingestellt werden. Da in naher Zukunft geplant ist, die Shinkansen-Strecke (die derzeit in Aomori endet) weiter nach Norden auszubauen, wurden die Sicherheitsvorkehrungen soweit verschärft, dass bald keine Führungen durch den Tunnel mehr möglich sind. Also vorher noch informieren!

Weiterführende Informationen



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  • 1. Bernd Gross  |  October 28th, 2007 at 12:22 am

    Hallo! Kompliment zu der gut gemachten und informativen Seite! Ich möchte folgende Information beisteuern: Der Sender N24 hat eine hochinteressanter Filmdokumenmtation über Tunnelbauten in der ganzen Welt gedreht und gesendet. Dieser Film, der u.a. auch eine ausführliche und wirklich sehenswerte Dokumentation über den Bau des Seikan-Tunnels enthält (darunter Originalfilmaufnahmen aus der Bauphase und auch einen aktuellen Filmbeitrag) ist herunter zu laden bei eMule. Exakter Titel: “Eisenbahn - Immer tiefer - Herausforderung Tunnelbau.avi” Ich hoffe, allen Interessierten hiermit einen nützlichen Hinweis gegeben zu haben. Für weitere Fragen zu Tunnelbauten in der ganzen Welt stehe ich gerne zur Verfügung; ich habe etliche Dokumentationen (Filme, Fotos, Bauberichte etc.) gesammelt: bernhardgross(at)t-online.de

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