Besuch in japanischer Grundschule

December 2nd, 2005 at 02:44pm Alexander Müller

Ich habe mich vor einiger Zeit in einem unbedachten Augenblick dazu bereit erklärt, an einer japanischen Grundschule eines Bekannten Deutschland vorzustellen. Ich erwartete eine Drillstation, stattdessen sah ich wenig, was sich von Deutschland unterscheidet.

Vor dem Besuch war ich etwas unsicher, was ich den Kindern erzählen soll. Die Mission lautete, etwas von Deutschland zu vermitteln, aber dieses Feld ist weit. Deutsche Wirtschaft? Eher ungeeignet. Also sich auf ein fremdes Feld begeben, etwas über das deutsche Bildungssystem? Einige Rückfragen unter Bekannten und auf Mailinglisten (bspw. DINJ) brachte mich wieder in die Realität zurück: es sind 10-jährige Kinder, also weg mit dem Ernst, zurück zum Spielerischen! Was die Kinder interessiert, sind Themen wie “Was machen deutsche Kinder?”, “Wie feiert man Weihnachten?” etc. und keine ausgefeilte Präsentation mit Statistiken und Grafiken.

Demensprechend stellte ich mein Programm zusammen:

  • Selbstvorstellung
  • Einfache Wörter auf DeutschIn der hervorragenden Broschüre der deutschen Botschaft “グーテンターク、ようこそドイツへ” gibt es auf Seite 7 eine Tabelle mit den essentiellen Sachen wie “Guten Tag”, “Dankeschön”, “Tschüs”, etc. Die deutsche Botschaft gibt die Exemplare für solche Zwecke bereitwillig heraus, so dass ich an jedes Kind eine Broschüre verteilen konnte. Vielen Dank an dieser Stelle an Tetsuya Kawada vom Göthe-Institut für die Hinweise und Hilfe bei der Organisation!

Deutschland auf Weltkarte finden lassen, Entfernung zu Japan veranschaulichen, kurz die Ausmaße von Europa aufzeigen

Deutschlandkarte: darauf hinweisen, dass Deutschland viele Nachbarländer hat, kurz die Wiedervereinigung erklären, danach Nürnberg zeigen (Weihnachtsmarkt)

  • Maru-batsu-Quiz:Man zieht in der Mitte des Raums eine imaginäre Linie, die Kinder müssen dann die Frage hören und sich je nach Antwort entweder auf das Feld für “richtig” (=maru) oder “falsch” (=batsu) stellen. Die Kinder, die falsch liegen, scheiden aus. Am Ende verteilt man einige Preise (ich hatte einige Sendung-mit-der-Maus-Aufkleber und Anstecker vom Goethe-Institut und der DIHKJ erhalten, die für diesen Zweck wunderbar geeignet waren.

    Mögliche Fragen:

  • Trinken Deutsche zum Frühstück Bier?
  • Haben alle Deutschen blonde Haare?
  • Sprechen alle Deutschen zuhause Englisch?
  • Mögen deutsche Kinder Baseball?
  • Essen Deutsche zu Weihnachten Erdbeertorte?
  • Kinder in Deutschland haben mittags Unterricht?
  • Die Hauptstadt von Deutschland ist Berlin?
  • In Deutschland ist es im Vergleich zu Japan wärmer?
  • Deutschland hat 9 Nachbarländer?
  • Das Wort “アルバイト” kommt aus dem Deutschen?
  • Deutschland hat eine Bundeskanzlerin?
  • Deutsche Kinder spielen gerne Playstation?Das Quiz hat den Kindern sehr viel Spass gemacht. Die Lehrerin hat die Kinder am Ende (da wurde ich schon durch die zweite Schulklasse geschickt) ein Feedback schreiben lassen, in dem sehr viele Kinder das Quiz besonders erwähnten. Ich würde dies also jederzeit wieder machen!

    Zur Preisvergabe: je nach Schwierigkeit der Frage (und davon abhängig, ob die Kinder Meinungsführer haben, die den Rest beeinflussen), lichten sich die Reihen mehr oder weniger schnell. Wenn nur noch 1-5 Kinder übrig sind, kann man kleine Preise verteilen. Ich habe die Situation für die Ausgeschiedenen dadurch entschärft, dass ich für alle Kinder am Ende noch ein kleines Mitbringsel dabei hatte, so war niemand enttäuscht, leer ausgegangen zu sein.

  • Vortrag zum Nürnberger Weihnachtsmarkt mit Film, anschließendes Stollen-EssenIch hatte mir beim Göthe-Institut einen Kurzfilm zum Nürnberger Weihnachtsmarkt ausgeliehen (war leider auf Deutsch), und habe dann einige Passagen (Lebkuchen, Glühwein, Laternenumzug, etc.) erklärt. Die Kinder haben viele Fragen gestellt. Am Ende habe ich einen mitgebrachten Stollen verteilt (gab es im Supermarkt um die Ecke für 900 Yen).
  • Stille Nacht, heilige Nacht singenDie Lehrerin hatte schon vorher mit den Kindern das Lied auf Japanisch gesungen. Ich habe dann eine Katakana-Version der ersten deutschen Strophe mitgebracht und unter den Kindern verteilt. Für die Kinder ist es etwas schwer, die Aussprache richtig hinzubekommen, deshalb habe ich eine CD mit dem Lied mitgebracht (im Apple iStore gibt es das Lied für 99 Cent!) und es vorgespielt. Ich war erstaunt, wie gut die Kinder das Lied singen konnten. Nur das Wort “hochheilige” machte einige Probleme ;-)
  • Janken auf DeutschIch hatte noch einige Preise übrig, so dass ich den Kindern gezeigt habe, wie man in Deutschland Janken spielt (”Schnick-schnack-schnuck”). In einem “Janken-Taikai” (vorne zeigt einer entweder Stein, Schere oder Papier an, die Kinder, die verlieren, müssen sich setzen) habe ich dann die restlichen Mitbringsel unter die Leute gebracht. Die Kinder haben dann später noch auf dem Hof “Schnick-schnack-schnuck” gespielt, was mich sehr beeindruckte.

Danach waren die 45 Minuten schon rum, die Zeit verging wie im Flug. Da es schon um die Mittagszeit war, bin ich dann mit den Kindern gemeinsam Essen gegangen. Eine Kantine liefert das Essen in den Klassenraum, von dort an jedoch müssen die Kinder selbst für alles sorgen, d.h. Tisch decken, das Essen verteilen, etc. Obwohl der Tisch ein wenig zu klein war, hat es mir sehr gut gefallen, das Essen war auch lecker (Chahan-Reis mit Suppe).

Was mir sehr positiv aufgefallen ist: die Kinder sind sehr verantwortungsbewusst, jeden Tag wechseln Aufgaben für diverse Tätigkeiten, wie bspw. die Pause zu planen: jeweils ein Junge und ein Mädchen teilen die Zeit ein, die jeweils für Spielen auf dem Hof und Reinigung des Klassenraums zur Verfügung steht. Andere wiederum räumen das Geschirr weg oder kümmern sich um die Klasseneigenen Haustiere (ein Fisch und ein Kaninchen). In der Pause haben die Kinder dann ALLE gemeinsam Hüpfseil gespielt, selbst diejenigen, die nicht so gut waren, wurden unterstützt und nicht links liegen gelassen. Wenn ich bedenke, wie an meiner deutschen Grundschule die Grüppchenbildung und das Ausschließen Anderer fortgeschritten war, so ist das ein positiver Gegensatz.


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4 Comments Add your own

  • 1. Silke  |  December 2nd, 2005 at 9:05 pm

    Bei den Erzeihungsmethoden in den japanischen Schulen und generell dem Gruppensinn, der in der Schule vermittelt wird, muss ich oft an ähnliche Sachen denken, die in der DDR auch so gehandhabt wurden (frühe Übernahme von Verantwortung und Selbstorganisation, weniger auschliessendes Verhalten etc.). Auch unsere Japanologieprofessorin bestätigte, dass es gerade im Bildungssystem große Parallelen gibt. Da wir in Deutschland ja mit unserem System hadern, bin ich auch der Meinung, dass man sich einiges wohl genauer anschauen muss und das sicher auch übernehmen können.

  • 2. Martin Seibert  |  December 3rd, 2005 at 9:09 am

    Cool. Ich hatte nie an Deiner Vielseitigkeit gezweifelt und bin dennoch begeistert. *klatschklatsch*

  • 3. annekin  |  January 4th, 2006 at 10:34 am

    Sage mal, was machst du denn da alles?
    Ich bin angehende Grundschullehrerin, die gerne mal mit der transibirischen Eisenbahn nach Japen reisen würde, um dort Land und Leute, evtl. auch Schule kennen zu lernen…
    Und du darfst dort all dies erleben?

    Phantastisch!

  • 4. Uli  |  January 23rd, 2008 at 8:05 am

    Was Du auch mal unbedingt probieren musst, ist im japanischen Kindergarten Weihnachtsmann zu spielen. Ich leihe mir jedes Jahr die Verkleidung von unserer Firma aus. Weltklasse, die Reaktionen der Kleinen. Wenn japanische Maenner Weihnachtsmann spielen, nehmen die Kinder es ihm nicht ab, dass er echt ist.

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