Auf der Suche nach dem optimalen Anpassungsgrad
December 6th, 2005 at 11:27pm Alexander Müller
Wenn man in Deutschland vor einem Japanbesuch in einen durchschnittlich gut sortierten Buchladen geht, dann wird man beinahe erschlagen von der Auswahl an Reiseführern, die eine kurze Einführung in die japanische Kultur geben. Titel wie “Kulturschock Japan” lassen den Eindruck entstehen, dass man ohne genügend Vorbereitung im japanischen Alltag nicht bestehen kann, da er für westliche Lebewesen zu exotisch sei.
Tatsächlich gibt es eine Vielzahl von Dingen zu beachten, aber es ist weitaus nicht so komplex, wie man es sich vorstellt. Eigentlich ist es auch so, dass fast jeder Japaner von ausländischen Besuchern gar nicht erwartet, dass sich dieser so verhält wie ein Einheimischer. Gesunder Menschenverstand hilft in vielen Situationen weiter, und man kommt mit ein wenig Offenheit gut über die Runden.
Meiner Meinung nach ist die Übertreibung der Exotik Japans in der Literatur dafür verantwortlich, dass sich viele Ausländer (vor allem die, die sich etwas länger als der durchschnittliche Besucher im Land aufhalten) krankhaft bemühen, japanischer als jeder Japaner zu werden. Krampfhafte Anpassungsversuche, die erstens meist schiefgehen und darüber hinaus von Japanern auch meist nicht honoriert werden - man stößt eher auf Befremden - verhindern eher, dass man in der japanischen Gesellschaft als Ausländer einen gesunden Lebenswandel führen kann.
Der optimale Anpassungsgrad an die japanische Kultur ist nicht leicht zu finden. Ich habe hier einige Dinge aufgelistet, zwischen denen meiner Meinung nach die Linie verläuft, nach der man als Ausländer in Japan leben kann. Nicht alles ist ernst zu nehmen!
NOT TO DO
- Verbeugen am Telefon
- Naseputzen verkneifen und stattdessen schniefen
- Atemmaske tragen, wenn man erkältet ist
- In der Bahn vom Mittelplatz an den Eckplatz rutschen, wenn er frei wird
- Spaghetti mit Stäbchen essen und schlürfen
- Yukata und Geta an japanischen Festivals anziehen (Matsuri), außer, es steht der Person wirklich!
- Happoshu (Bierwasser) trinken
- Auf dem Gehweg Fahrrad fahren
- Nicht ernstgemeinte Komplimente geben
- Aus Gemeinschaftsgefühl heraus sinnlose Überstunden machen
- Die eigene Meinung unterdrücken
- Im Büro Hausschuhe anziehen
- Pizza für 3.000 Yen (etwa 25 EUR) bestellen
- Nur aus Neugier am Laden mit der längsten Schlange anstellen
- Japanische Schokolade essen
- Louis Vuitton-Taschen oder Portemonnaies kaufen
- E-Mails schreiben, bei denen die Begrüßungsformel (je nach Jahreszeit) länger ist als der eigentliche Inhalt
- Auto laufen lassen, wenn man im Convenience Store einkauft
- In der Bahn schminken (mit Wimpernzange)
- Sich lange und ausgiebig über das Wetter unterhalten
- Beim Gehen ins Freie laut “samui” (”Kalt!”) oder “atsui” (”Heiss”!) brüllen (je nach Jahreszeit)
- Klimaanlage auf volle Leistung stellen
- Beim Treffen von Freundinnen laut kreischen und mit den Händen ziellos in der Luft herumwedeln (als Frau)
- Das Geschehen der “tarento” (TV-Persönlichkeiten, die in allen TV-Shows auftreten) verfolgen
- Sich ständig überlegen, was andere wohl denken mögen, wenn man etwas tut
- Leute nicht nach Hause einladen
- Herbstjacke anziehen, nur weil es laut Kalender “Herbst” ist.
- Auf dem Klo den Halsinhalt lautstark herausrotzen
- Japanische Hock-Klos verwenden
- Im Jogginganzug im Convenience Store einkaufen gehen
- Von sich selbst in der dritten Person reden (machen viele Japaner tatsächlich…)
- Mit dem Fahrrad als Geisterfahrer im Gegenverkehr fahren
- Mit zur “nomikai” (Trinken mit Kollegen am Abend) gehen, obwohl man eigentlich keine Lust hat
TO DO
- Suppe schlürfen
- Geräuschpegel beim Reden reduzieren (bspw. in vollen Zügen)
- Parfümierung reduzieren
- Schuhe ausziehen, wenn man ins Haus geht
- Waschen, bevor man ins Bad geht (ok, gebe zu, das sind Essentials!)
- Vor dem Zebrastreifen warten (wenn man nicht lebensmüde ist…)
- Mit Stäbchen essen (ja, das muss wirklich sein)
- An der Schlange hinten anstellen (auch wenn es manchmal verlockend ist, sich vorzudrängeln)
- Bei jeder Gelegenheit Paketlieferdienste nutzen (bspw. um Gepäck zum Flughafen zu senden)
- Beim Annehmen eines Telefonanrufs “moshi moshi” sagen (wenn man Japanisch kann, versteht sich)
- Bier nahe des Gefrierpunktes trinken
- Minutengenau eigene Bahnreisen planen
- Im Restaurant an der Kasse zahlen
- Im Restaurant zunächst immer ein Bier bestellen (”toriaezu biiru”…)
- Taschentücher nicht mehr kaufen, sondern die nehmen, die immer am Bahnhof verteilt werden
- Kein Trinkgeld geben
- Klolatschen nach dem Klobesuch ausziehen
- An die Laufrichtungspfeile in der U-Bahn halten
- Auf Rolltreppen links stehen (gilt nur für Kanto-Gebiet)
- Gastgeschenke machen
- Getränkeautomaten nutzen, anstatt Getränke mitzunehmen
- Nachdem man irgendwo eingeladen wurde, auf dem Nachhauseweg eine Dankes-Email vom Handy aus schreiben (scheint irgendwie jeder zu tun, ein netter Brauch…)
Sicher sind einige Punkte strittig, andere selbstverständlich… aber dennoch ist vielleicht deutlich geworden, dass man sich nicht an jede kulturelle Informalität halten muss, mit der man jeden Tag in Japan konfrontiert wird. Manchmal ist es ohnehin interessanter für beide Seiten, wenn man bestimmte Dinge infrage stellt!
Für neue Vorschläge bitte ich um zahlreiche Kommentare!
Dieser Beitrag gehört zu den Kategorien Leben in Japan und ihm wurden die Keywords japan, kultur, reisen, kulturschock, essen, trinken, leben, restaurant zugeordnet (Tag-Wolke anzeigen).
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