Buchtipp: “Gefährliche Managementwörter”
October 10th, 2005 at 10:26pm Alexander Müller
Fredmund Malik hat ein Buch geschrieben, das meiner Meinung nach alle Führungskräfte einmal gelesen haben sollten, um in Zukunft ihre Äußerungen auf Gehalt zu prüfen. In der Physik ist das klar: Wer Dichte und Masse verwechselt, gilt zu Recht als Dilettant. Analoges kommt im Management aber nicht als Ausnahme, sondern regelmäßig vor.
Wörter wie die „Vision “ grassieren ungehemmt, das „Potential “ wird bei den sogenannten Führungskräften gerne eingeflochten, immer dann, wenn eigentlich nur noch die Hoffnung das Geschäft am Leben erhält. Oder das „Coaching “, inflationär dann angeraten, wenn man gar nicht mehr weiter weiß. EBITDA, Gewinn und Nachhaltigkeit, mitunter hat der Hörer das Gefühl, es verhält sich hier wie mit des Kaisers neuen Kleidern: nur über die Verwendung bestimmter Begriffe meint mancher sich schon als Kenner der Materie zu empfehlen.
Malik, Professort für Unternehmensführung an der Wirtschaftsuniversität St. Gallen, erkennt, dass gerade im Management mehr Klarheit und Richtigkeit des Denkens nötig sind. Erst daraus resultiert richtiges Verhalten und Handeln. „Gefährliche Wörter “ müssen daher erkannt und vermieden werden.
Einer meiner persönlichen Favoriten aus dem Buch ist der Abschnitt zu Globalisierung:
Globalisierung (Buchauszug, Rechte beim FAZ-Institut)
In die Liste der riskanten Wörter gehört alles, was mit »Globalisierung« zu tun hat. Das Risiko dieses und verwandter Wörter liegt darin, daß Führungskräfte durch sie leicht zu falschen Denkweisen und als Folge dessen zu falschen Strategien und Maßnahmen verleitet werden. Dabei spielt häufig Druck von außen eine Rolle: die Meinung der Medien, die Denkweise von Aktionären und der Zeitgeist.
Das Wort »Globalisierung« wird so oft verwendet, daß man meinen möchte, es sei klar und eindeutig. So ist es aber nicht. Globalisierung hat viele Bedeutungen, und daher kann jeder damit herumfuhrwerken, wie es ihm gefällt.
In jedem Unternehmen ist man gut beraten, zu durchdenken, in welchem Sinne man dieses Wort verwenden will. Schon der viel bescheidenere Begriff »Internationalisierung« ist alles andere als klar. In wie vielen Ländern muß ein Unternehmen mit wieviel Prozent seiner Geschäftstätigkeit vertreten sein, um von »international« sprechen zu können? Es gibt keine Kriterien dafür, und so kann sich jeder »international« nennen, der einen Briefkasten auf den Bahamas hat. Auch das Wort »multinational« hat wenig konkrete Bedeutung, außer daß es immer wieder als Schimpfwort für die großen Konzerne verwendet wurde.
Peter F. Drucker spricht seit Mitte der 1990er Jahre von »transnational«. Damit meint er jene Aspekte, die vom Nationalstaat und von nationalem Verständnis unabhängig sind. Für ihn sind vorläufig nur zwei Dinge wirklich transnational: Geld und Information.
Globalisierung bedeutet nicht, daß die ganze Welt ein »Dorf« wird, wie man das von Romantikern und Zukunftsdeutern hört. Es fehlen sämtliche Voraussetzungen dafür. Wie soll man sich ein Dorf aus über sechs Milliarden Menschen vorstellen? Sie bilden niemals ein Dorf, selbst wenn man das Wort in Anführungszeichen setzt. Wer einige der großen Städte der Welt besucht hat, weiß das und kann sich über die Auslassungen mancher Zeitgeistautoren höchstens wundern, die da vollmundig, aber offensichtlich kenntnislos vom globalen Dorf schwafeln.
Globalisierung bedeutet nicht, daß sich die Kulturen der Welt angleichen und einheitlich an der westlichen Denk- und Lebensweise orientieren müssen, die in sich schon keineswegs homogen ist. Vermutlich wird es sogar eher zu einer Akzentuierung der Unterschiede kommen.
Globalisierung bedeutet auch nicht, daß jedes Unternehmen oder seine Produkte in jedem Land der Welt vertreten sein müssen. Selbst unter den größten Firmen der Welt gibt es nur wenige, deren Produkte tatsächlich fast überall präsent sind; Coca Cola gehört wohl dazu. Die meisten Firmen sind in der Ausübung ihrer Geschäftstätigkeit aber nach wie vor und aus guten Gründen selektiv.
Globalisierung bedeutet vorläufig meines Erachtens dreierlei:
Erstens, daß man für die verschiedenen Dimensionen wirtschaftlicher Tätigkeit keinen Ort prinzipiell ausschließen kann. Das bedeutet, daß jede einzelne Stufe des Wirtschaftens - von der Entwicklung über die Beschaffung bis zum Verkauf - vom Grundsatz her an jedem Ort der Welt möglich ist.
Zweitens, daß man durch nationale Grenzen nicht mehr wirksam vor Konkurrenz geschützt werden kann. Ein Wiedererwachen des Protektionismus kann zwar nicht ausgeschlossen werden; meines Erachtens ist im Gegenteil sein Aufleben eher wahrscheinlich. Man sieht bei der amerikanischen Stahlindustrie, wozu in letzter Konsequenz rasch und ohne Skrupel gegriffen wird: zu Schutzzöllen. Dennoch wird es immer schwieriger, sich vor Konkurrenz wirksam zu schützen.
Drittens, daß man global beobachten muß, um nicht überrascht zu werden, was aber nicht bedeutet, daß man auch global handeln muß.
Der dritte Aspekt ist meines Erachtens für die Mehrheit der Unternehmen am wichtigsten. Es wird auch in ferner Zukunft längst nicht jedes Unternehmen global tätig sein müssen. Immer mehr, darunter auch die kleinen Unternehmen, müssen aber weltweit orientiert sein, damit sie nicht von Konkurrenten überrumpelt oder von Entwicklungen überrascht werden, die man übersehen hat, vor allem bezüglich der Beschaffungs- und Fertigungsmöglichkeiten. Das ist schwierig genug und ziemlich aufwendig.
Für jene Unternehmer, die im Sinne des ersten Punktes denken müssen, lohnt sich manchmal der Blick ins Geschichtsbuch, wenn einem gar so großspurig die Einzigartigkeit und Erstmaligkeit der heutigen Globalisierungstendenzen vorgetragen werden. Niemand brauchte einem oberitalienischen Handelsherren des 15. und 16. Jahrhunderts zu sagen, daß es da draußen eine Welt gibt. Venezianer und Florentiner machten in der Renaissance-Zeit weltumspannende Geschäfte. Von ihnen lernten es die Fugger und betrieben für rund 200 Jahre einen globalen Konzern. Sie hatten ihre »Faktoren« (die damalige Bezeichnung für Geschäftsführer) in allen bedeutenden Ländern und Städten der Welt, machten Geschäfte mit ganz Europa, beherrschten halb Südamerika - wohlgemerkt ohne Handy, Fax, E-Mail und Düsenflugzeug - und überlebten wirtschaftlich die Großkonkurse der gekrönten Habsburger-Häupter.
Der Jesuitenorden war als globale Handels- und Wissensorganisation rund um die Welt tätig, in Japan und China, in Indien und in Südamerika. Die Jesuiten waren dabei so erfolgreich, daß sie gefährlich wurden und der Orden deshalb in einigen Ländern verboten wurde.
Die Globalisierung ist älter als Satellitenfernsehen und Internet. Sie hatte ihre glanzvollen Epochen und ihre Rückschläge. Und man kann aus ihrer Geschichte als Führungskraft das vielleicht Wichtigste lernen: Augenmaß.
Bilbiographische Informationen:
Fredmund Malik
Gefährliche Managementwörter
Und warum man sie vermeiden sollte
2004, 192 Seiten, Hardcover
ISBN 3-89981-039-2
Das Buch gibt es im Handel für 17,50 €.
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