Erkältung - Freikarte ins japanische Healthcare-Gruselkabinett
October 21st, 2005 at 10:48am Alexander Müller
Eine hartnäckige Erkältung, die ich seit ca. 3 Wochen mit mir herumtrage, hat bewirkt, dass ich mich notgedrungen mit dem japanischen Gesundheitssystem beschäftigt habe. Zunächst einmal war ich davon natürlich wenig begeistert, weil ich schon diverse Gerüchte über das japanische Health Care System gehört habe. Einige Recherchen haben diese bestätigt.
Charakteristika des japanischen Health Care System
(Quelle: Clark and Kay, How Outsiders Are Reviving a Trillion Dollar Services Market, Vertical, New York, 2005)
- Japanische Ärzte müssen, nachdem sie ihre Lizenz erhalten haben, nie wieder in ihrer beruflichen Laufbahn einen Befähigungsnachweis erbringen, und können bis zu ihrem Lebensende ungeprüft weiter behandeln.
- Japanische Ärzte werden über persönliche Beziehungen der Universitäts-Medizinprofessoren in den Krankenhäusern untergebracht. Krankenhäuser, die diese Oktroyierung nicht akzeptieren wollen, bedrohen ihren Zugang zu Nachwuchs-Ärzten und werden ggf. aus dem Netzwerk ausgeschlossen.
- Es gibt keine Möglichkeiten für Krankenhäuser, standardisierte Informationen über Ärzte einzuholen, wenn sie eingestellt werden.
- Japanische Ärzte halten ihre Patienten für unmündig, die Wahrheit über ihr Krankheitsbild zu erfahren. Wenn überhaupt, dann werden bei schweren Erkrankungen die nahen Angehörigen informiert. Der Patient selbst bleibt im ungewissen.
- Bei schweren Behandlungsfehlern drohen keine Konsequenzen, außer dass der Arzt ggf. in ein geringer angesehenes Krankenhaus auf dem Land versetzt wird. Noch nie hat ein japanischer Arzt seine Lizenz verloren. Regelmäßig entscheiden japanische Gerichte zugunsten von Ärzten. So auch in einem berühmten Fall, bei dem ein Arzt eine Patientin über ihr Krankheitsbild belogen hat, angeblich, um keine Panik hervorzurufen. Obwohl die Patientin an Krebs erkrankt war, teilte er ihr mit, sie habe Gallensteine. Bis zur Operation (die die Patientin nicht so ernst nahm, schließlich sind Gallensteine nicht letal), verstarb die Patientin am Krebs.
- Japanische Ärzte reagieren äußerst ungehalten, wenn der Patient eine zweite Meinung einholen will. In vielen Fällen weigern sich Ärzte, ihre Patientenakten an den neuen Arzt herauszugeben. Da es weiterhin keine standardisierten Akten gibt, ist der Umfang der Aufzeichnungen sehr unterschiedlich von Praxis zu Praxis, oft handschriftlich und unlesbar.
- In Krankenhäusern dürfen Ärzte ab dem ersten Tag sämtliche Prozesse und Behandlungen vornehmen, anstatt ihr Tätigkeitsfeld anhand von Prozessen zu definieren, für die sie qualifiziert sind (wie bspw. in den USA).
- Es gibt (trotz der nationalen Vorliebe für Zertifizierungen, siehe ISO 9000) kaum Zertifikate oder standardisierte Audits für japanische Krankenhäuser. Wettbewerb unter den Einrichtungen wird vermieden. Gebühren sind landesweit standardisiert, so dass es keinen Anreiz gibt, den eigenen Standard der Einrichtung zu verbessern.
- Verglichen mit anderen OECD-Ländern sind die hygienischen Zustände in japanischen Krankenhäusern unterdurchschnittlich. Blutreserven sind oft mit Hepatitis B/C verseucht.
- Laut einer McKinsey Studie ist das japanische Health Care System 25% weniger effizient als das US-amerikanische.
- Der durchschnittliche Krankenhausaufenthalt in Japan ist viermal so lange wie in den USA.
John Wocher, Executive Vice President der Kameda Medical Clinic, einer der wenigen Ausnahmen in diesem System, ist deutlich in seiner Einschätzung des nationalen Health Care Systems:
Imagine if you can, sitting within the sad and angry family of a patient, harmed or who has died as a result of a medical error. When it is revealed or discovered that the physician or health care provider involved was licensed for life, had no requirement for continuing medical education, whose credentials were not verified, whose practice was unlimited, who was practicing in a hospital which had no accreditation process based on any minimum standards of care and which required no meaningful performance evaluation, did not require an annual physical examination for physicians, and will not, if asked, disclose the contents of the medical record unless subponaed… You can see that this is clearly a recipe for media and legal nightmare for everyone. (Quelle: Clark and Kay, How Outsiders Are Reviving a Trillion Dollar Services Market, Vertical, New York, 2005)
Eine Erkältung in Tokyo
Ich hatte glücklicherweise nur eine Erkältung. Nichtsdestotrotz hatte dies diverse Berührungen mit dem japanischen Gesundheitssytem (Arztpraxen und Apotheken) zur Folge. Von diesen Erfahrungen möchte ich kurz berichten.
Mein erster Besuch in einer japanischen Arztpraxis. Ein kleiner Verschlag, Milchglas-Schiebetüren, extrem kleine Räume mit Standardaustattung japanischer Büros (graue Stahlschreibtische, Neonröhren). Zunächst einmal stimmten mich einige Dinge nachdenklich. Obwohl Japaner ja eine Reputation für Hygiene haben, waren die Arztpraxen nicht unbedingt in einem perfekt sauberen Zustand (auch wenn man seine Straßenschuhe draußen ausziehen und in Schlappen herumlaufen musste).
Der Ablauf gestaltete sich so, wie es mir bereits vorher berichtet worden war: Wartezeiten von mehr als einer Stunde, Stippvisite durch den Arzt (sagen Sie jetzt mal “aaahhh”), und ich kam mit einem Berg an Medikamenten wieder nach Hause. Ein Pulver und vier verschiedene Sorten von Tabletten in diversen Farben. Obwohl ich in Deutschland üblicherweise meine Erkältung mit sehr wenigen Medikamenten auskuriere, so dachte ich mir, dass der Arzt schon weiss, was er tut, und hielt mich an die Medikation.
Übrigens erhält man Medizin in Japan in Tagesrationen vom Arzt zugeteilt. Warum bekommt man Medizin eigentlich nicht als gesamtes Paket, sondern in abgezählten Packungen? So muss man immer genau kalkulieren, wieviele Rationen man noch hat. Fällt der Tag der letzten Ration auf ein Wochenende, so muss man vorher gut planen, um nicht auf einmal ohne Rationen dazustehen. Als die 3-Tagesdosis aufgebraucht war, ging ich wieder zum Arzt, weil sich keine Besserung der Erkältung eingestellt hatte. Gleiches Spiel, ein Nachmittag im Wartezimmer, Kurzbesuch beim Sensei im Zimmer, mit einer weiteren 3-Tagesration abgefrühstückt worden.
So langsam wurde ich ein bisschen misstrauisch. Trotz der Berge an Medizin, die ich mittlerweile konsumiert hatte, hielt sich die Erkältung hartnäckig. Des weiteren war ich bisher noch nie länger als eine Woche erkältet, während ich bereits die dritte Woche hustete.
Husten = Lunge röntgen!
Ich beschloss, eine zweite Meinung einzuholen, und ging zu einem anderen Arzt. Dieser nahm sich immerhin mehr Zeit und stellte einige Fragen wie “Waren Sie in Südostasien?” etc. Mir war sofort klar, dass er den Verdacht einer Tuberkulose ausschließen wollte. Man muss an dieser Stelle erwähnen, dass japanische Ärzte eine fast krankhafte Paranoia vor Tuberkulose haben, und deshalb bei jeder nur denkbaren Gelegenheit auf ein Röntgenbild der Lunge ihrer Patienten bestehen. So wird bspw. auch bei der jährlichen Gesundheitsuntersuchung in Firmen jedes Mal die Lunge ALLER Angestellten geröntgt. Ich bin kein Mediziner, aber ich habe schon des öfteren gehört, dass die Sinnhaftigkeit von übermäßigem Röntgen fragwürdig ist und es sogar alternative Testmöglichkeiten (Antikörper etc.) gibt. Mal davon abgesehen, dass Tuberkulose in industrialisierten Ländern kaum noch auftritt…
Mein Verdacht erhärtete sich, als der Arzt meinte, ich sollte mir doch mal rasch die Lunge röntgen lassen. Nach einer kleinen Diskussion, ob es denn wirklich notwendig sei, habe ich eingewilligt. Das Ergebnis war natürlich negativ. Also wieder das typische Erkältungsmedizin-Paket erhalten (Dreitages-Dosis) und (mit angereicherter Strahlendosis im Körper) nach Hause gegangen.
Warum braucht eine Erkältung so lange bis zur Genesung?
Meine Theorie dazu ist: Japanische Erkältungs-Medikamente haben meist die Funktion, die Patienten in arbeitsfähigem Zustand zu halten (so laufen bspw. jeden Tag in der Fernsehwerbung Spots, in denen Salarymen durch die Einnahme von Pillen ihre Erkältung bezwingen und daher ihren überaus wichtigen Verpflichtungen in der Firma nachkommen können).
Da es keine krankheitsbedingten Fehlzeiten gibt (man muss sich Urlaub nehmen) und es außerdem als besonderes Engagement registriert wird, wenn man trotz Krankheit arbeiten geht, kurieren viele Mitarbeiter ihre Erkältungen am Arbeitsplatz aus (um Rücksicht auf die Mitmenschen zu nehmen, wird eine Atemmaske aufgezogen, die die Bazillen schön in den eigenen Atemwegen hält). Da die Medikamente die Symptome abschwächen, unterschätzen die Kranken die Signale ihres Körpers und schonen sich weniger. Genauso ging es mir auch. Nach der ersten Medikamentenration ging es mir nach zwei Tagen kurzfristig besser, und habe daher auch nicht das Bett gehütet (obwohl das wahrscheinlich besser gewesen wäre). Dadurch wird die Erkältung über mehrere Wochen verschleppt.
Anstatt Unmengen an Medikamenten zu konsumieren, wäre es oft vielleicht einfach besser, die Erkältung in Ruhe auszukurieren. Medikamte schlucken bewirkt eine Behandlung der Symptome. Der Medikamentenkonsum ist in Japan sehr hoch. Japan stellt zwar nur etwa 2 Prozent der Weltbevölkerung, konsumiert jedoch 16 Prozent aller Medikamente, die auf der Erde produziert werden (American Chamber of Commerce Journal 06/2002).
Dieser Beitrag gehört zu den Kategorien Leben in Japan, Entrepreneurship & Innovation und ihm wurden die Keywords japan, healthcare, reformen, krankenhaus, wettbewerb, ärzte, röntgen, medikamente zugeordnet (Tag-Wolke anzeigen).
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2 Comments Add your own
1. pato chan | October 21st, 2005 at 12:59 pm
Genki?
Mann sagt Japanische Medizin ist ohne hin schon sehr schwach. Du bist vielleicht ein wenig groesser als die Japaner? Stimmt dann die Dosis auch? Ueberigens Deutschen Schlucken zwei mal so viel wie wir Hollaender. Als ich in Deutschland gewohnt habe, war ich, als Auslaender, automatisch Privat versichert. Dann kommt auf einmal nicht die Schwester sondern der Prof. Dr. Blablabla vorbei, wird ein verstauchtes Gelenk auch geroentgt, nach dem man von der Schwester im Rollstuhl zum Roentgenzimmer geschoben wurde, obwhol man zu Fuss zum Artz gekommen ist. Dass ist dann noch lustig. Aber wenn: “Ach Sie haben kopfschmerzen, wollen wir mal ein Scan machen um zu sehen ob Sie ein Gehirnntumor haben”, nur weil er die doppelte Gebuehr einsacken kann ist schon fast Kriminell. Also so viel besser ist es in Deutschland bestimmt nicht.
Muss aber schon sagen dass mann keine Erklaerung bekommt in Japan, ist schon frustrierend. Ich habe auch ein Dr. vor meinem Namen also komm mir bitte nicht mit “Aber dass wuerden sie doch nicht verstehen.”
PS wie kommen die zu 16%? Die Japanere sind um die 8% der weltwirtschaft. Da bleibt nur noch factor zwei. Die normal Dosis pro Pille ist vielleicht ein Viertel von dem wass man in Europa bekommt (Mann muss ja immer mehrere gleichzeitig schlucken). => Die Japaner schlucken nur die Haelfte.
Hahahaha.
2. Alex | October 21st, 2005 at 7:21 pm
Ok, ich wollte auch kein “Japan Bashing” betreiben und weiss, dass es in jedem Gesundheitssystem Probleme gibt. Aber immerhin haben die in Deutschland das mit dem informierten Patienten schon verstanden! Und als Privatpatient (bin auch einer) kann man sich ja immer saemtliche Rechnungen aufschluesseln lassen (bzw. man erhaelt die Rechnung ja ohnehin selbst), so dass man dann halt den Arzt wechselt, wenn man das Gefuehl hat, er uebertreibt die Behandlungsmethoden. Und - das ist wichtig - man hat eine zentrale Anlaufstelle, wo man Uebeltaeter melden kann, wo dann auch bspw. ueberhoehte Rechnungen und unnoetige Leistungen geprueft werden. Ggf. werden Aerzten die Lizenz entzogen.
Wie die das mit den 16% genau berechnet haben kann ich nicht genau sagen. Ich vermute mal, es ist “Weltbevoelkerung / Menge der Medikamente in Gramm”. Bei monetaerer Bewertung liegt Japan weit hinten (mit 393 $ Total exp. pharm.goods per capita, US$ PPP) waehrend die USA, Frankreich und Italien ueber die Haelfte hoeher liegen. Medikamente kosten hier ja (fuer die Verbraucher) so gut wie nichts… Und Du hast Recht, die Niederlande liegt hier in der Schlussgruppe, noch unter Deutschland (OECD Health Data 2005).
Schaut man allerdings auf die Marktgroesse fuer Pharamceuticals, so liegt Japan auf dem zweiten Platz weltweit (USA 154 Mrd. $, Japan 50 Mrd. $, Deutschland 20 Mrd. $, Quelle: IMS Health). Qualitative Aussagen sind mit den Zahlen natuerlich schwer… aber die grundsaetzliche Botschaft ist: viele Medikamente, hohe Subventionen durch Staat, geringe Ausgaben fuer Patienten…
Danke der Nachfrage, es geht schon wieder besser. Das mit der Medikamentendosis klingt plausibel. Vielleicht erhoehe ich einfach eigenstaendig die Dosis, dann haelt das naechste Mal die 3-Tagesdosis nur 1,5 Tage…
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