Weibliche CEOs - ein Umdenken in japanischen Firmen?
October 8th, 2005 at 07:31pm Alexander Müller
Das Elektronikunternehmen Sanyo hat derzeit einige Probleme. Das schwere Erdbeben in Niigata im Oktober 2004 hat eine Chip-Fabrik so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass die gesamte Produktion eingestellt werden musste. Weiterhin ist der Schaden nicht durch eine Versicherung gedeckt gewesen, so dass Sanyo einen konsolidierten Nettoverlust von 71 Milliarden Yen ausweisen musste. Sanyo hat eine komplette Restrukturierung seiner Aktivitäten versprochen und seine Führungsriege ausgewechselt. Zum neuen Chairman und Chief Executive Officer (CEO) von Sanyo Electric wurde die Journalistin Tomoyo Nonaka zernannt.
Die Medien haben sich natürlich sofort auf diesen Fall gestürzt, und ein Umdenken in japanischen Führungsetagen identifiziert, wo vorher Frauen höchstens den Tee servieren durften. Eine genauere Untersuchung zeigt, dass die Besetzung von Nonaka bei Sanyo nicht unbedingt auf ihre Qualifikationen zurückzuführen sind. Einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund fehlt der ehemaligen Moderatorin vollständig, so dass vermutet wird, dass die Besetzung eher Show-Charakter hat. Auch die Industrie zeigte sich über die Berufung der langjährigen TV-Nachrichtensprecherin erstaunt und zweifelt an ihren Fähigkeiten, einen Elektronikkonzern zu leiten. Und tatsächlich: die Fäden im Konzern hat Toshimasa Lue in der Hand, der zum neuen Präsident und Chief Operating Officer (COO) benannt wurde. Als Familienmitglied - er ist ein Enkel des Firmengründers und Sohn von Satosi Lue - entspricht die Beförderung des bisherigen Vice President offenbar den Erwartungen, und bestärkt die Vermutung, dass die Besetzung von Nonaka als CEO nur eine Charade ist, die die angebliche Fortschrittlichkeit Sanyos belegen soll.
Wie so oft, werden für einen angeblichen Wandel in der Benachteiligung von Frauen im japanischen Wirtschaftsleben Einzelfälle herausgegriffen, die aber nicht repräsentativ für das Gesamtbild sind. In vielen Fällen, wie bspw. bei Sanyo, ist der Symbolismus nicht zu verleugnen. Dass in japanischen Wirtschaftskreisen noch kein Umdenken hinsichtlich der Rolle von Frauen im Unternehmen stattgefunden hat, belegen die folgenden Zahlen.
Einige Fakten:
- Von allen börsennotierten japanischen Unternehmen haben nur 0.8% eine Frau als CEO. In den USA werden neun der Fortune 500-Unternehmen von Frauen geleitet (=1.8%).
- Japan schnitt in einer Studie des World Economic Forum nur unterdurchschnittlich ab (Platz 38 von 58 Ländern) hinsichtlich der Bereitstellung beruflicher Möglichkeiten für Frauen. Die USA waren auf Platz 17, Schweden auf Platz 1.
- Nur 5.64% aller japanischen Unternehmen werden von Frauen geleitet. Obwohl in Zeitungen und Fernsehen oft von einem Anstieg berichtet wird, so ist dieser in Wirklichkeit verschwindend gering (von 5.53% im Jahre 2000, Teikoku Databank Research).
- Nur 3% der japanischen Unternehmen haben eine Frau im Board, im Gegensatz zu den USA, wo 86% der Unternehmen mindestens ein weibliches Board-Mitglied haben. Die 27 japanischen Unternehmen im Fortune Global 200 Index hatten nur drei weibliche Board-Mitglieder (0.7% aller Direktoren), der niedrigste Anteil aller Unternehmen in diesem Index.
Anteile von weiblichen Vorstandsmitgliedern in Fortune 200-Unternehmen:
USA 17.5%
United Kingdom 12.5%
Overall 10.4%
Germany 10.3%
France 7.2%
Italy 1.8%
Japan 0.7%
Da Frauen bei japanischen Firmen kaum eine Perspektive sehen, in höhere Funktionen aufzusteigen, werden talentierte Frauen meist von ausländischen Unternehmen rekrutiert. Denen sind die Fähigkeit (meist) wichtiger als das Geschlecht des Bewerbers. So wird Merryl Lynch Japan von einer Frau geleitet.
Ein interessantes Phänomen, das sich zur Zeit beobachten lässt, ist folgendes: wenn ein ausländischer Private Equity Fund eine Unternehmensrestrukturierung anstrebt, so werden - wie bspw. im Fall von Daiei, der gescheiterten Warenhauskette - weibliche japanischen Führungskräfte wieder von den ausländischen Firmen abgeworben, um die japanischen Unternehmen aus der Krise zu holen. Derzeitiger CEO bei Daiei ist die ehemalige BMW-Managerin Fumiko Hayashi.
Hoffen wir mal, dass sie den ganzen traditionellen Ojisan mal etwas Feuer unter dem Hintern macht!
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