Gastbeitrag: Japan - Erfahrungen und gesammelte Vorurteile

September 17th, 2005 at 06:51pm Alexander Müller

Nachdem ich mir verschiedentlich habe anhören müssen, dass meine Artikel zu speziell seien und gemahnt wurde, ich solle lieber mal über die Kuriositäten im japanischen Alltag schreiben, habe ich mich mal hingesetzt und kurz überlegt, was ich an Japan eigentlich noch seltsam finde.

Das Ergebnis war schockierend: klar fallen mir noch einige Dinge direkt ein (besonders den eklatanten Mangel an Natur, die hohen Preise oder schlechte Fernsehprogramme ;-) ), aber die alltäglichen Dinge, die jedem Touristen beim ersten Japan-Besuch direkt ins Auge springen, gehen unbeachtet durch meinen Wahrnehmungsfilter. Ab einer gewissen Aufenthaltsdauer in Japan (schätzungsweise 6 Monate) gewöhnt man sich an all die Kuriositäten. Ganz besonders klar wurde mir dies, als mich Martin und Juliane (Freunde aus Wiesbaden) vor einiger Zeit in Tokyo und Kyoto besuchten. Auf Fragen wie “Warum haben die Japaner alle Gehänge an ihren Mobiltelefonen?” oder “Was sind das für seltsame Toiletten?” etc. bin ich natürlich nicht um Erklärungen verlegen, aber von selbst wäre mir nicht eingefallen, darüber zu berichten.

Bevor ich also jetzt anfange, schlecht etwas eigenes zu Papier zu bringen, habe ich mich dazu entschlossen, einfach schamlos den Reisebericht von Martin zu verwenden, in dem er einige Erfahrungen und bestätigte Vorurteile seines Japan-Besuchs niedergeschrieben hat. Danach darf ich dann wieder unbeschwert über irgendwelche uninteressanten Teilaspekte berichten, ohne Kritik zu ernten! :mrgreen:

Also, los geht’s!

  • Kopf stossen, weil Decken und Eingänge nur für Japaner gedacht sind. - Alex hat mir direkt bei unserer Ankunft gesagt, dass er schmerzlich habe erfahren müssen, dass Japaner bei Türen und Treppen häufig nur an die eigene Körpergröße denken. Ich habe die Erfahrung auch genau so gemacht. Besonders schmerzhaft ist es, wenn man mit einem 13-Kilo-Rucksack und etwas Schwung gegen einen Türrahmen läuft. Aua! :-)
  • Tausendfach Danke sagen - Japaner sagen für alles und nichts “Danke”. Das ist eine Geste der Höflichkeit. Allerdings muss man sich immer bewusst machen, dass man “Danke” auch hört, wenn sich das Gegenüber gerade sehr über einen aufgeregt hat.
  • Japaner können kein englisch - Früher oder später werde ich in Deutschland mal einen “Ich-spreche-kein-deutsch-helfen-Sie-mir-in-englisch”-Test machen. Die Japaner erreichen zu 90% nicht mal ein “mangelhaft”. Egal ob in Restaurant, auf der Strasse oder am Bahnschalter, wo man englisch häufiger hört - die Angestellten sprechen so gut wie kein englisch. Die Kommunikation erfolgt mit Händen und Füssen.
  • Japaner wollen aber immer helfen, auch wenn Sie nichts wissen - Japaner sind unheimlich hilfsbereit und zuvorkommend. Wenn man auf der Strasse ein Problem hat, einen bestimmten Ort oder eine U-Bahn sucht, nimmt sich selbst der Beschäftigste Japaner Zeit für einen und versucht zu helfen. Leider scheint “Ich weiss es nicht” zu sagen, so ähnlich zu sein, wie das Gesicht zu verlieren. Deshalb hilft einem auch der, der gar nicht weiss, wie. Häufig war uns vollkommen klar, dass unser Gegenüber gar nicht verstanden hatte, was wir eigentlich wollten. Trotzdem hat man uns wenigstens bis zur nächsten Person geschleppt, die im Zweifel auch nicht mehr verstand, bevor uns jemand einfach so hätte stehen lassen. O-Ton von Alex: “Ich überlege inzwischen immer zweimal, ob ich mir nicht doch irgendwie selber helfen lasse, bevor ich risikiere mit einem engagierten Japaner 5 Minuten zusammen durch die Gegend zu irren.” (Alex spricht fließend japanisch!) :-)
  • Ampeln zeigen an, wann es von rot zu grün wird und umgekehrt - Sehr gut hat mir als Technik-Fanatiker gefallen, dass einige japanische Ampeln (z.B. in Akihabara) während der Rotphase anzeigen, wie lange es noch dauert, bis es grün wird und umgekehrt. Anhand einer Balkenanzeige kann man sehen, wie lange man noch warten muss. Das ist wirklich sehr praktisch und verhindert meines Erachtens in starkem Masse, dass die Leute aus Ungeduld über rot laufen. Man ist beschäftigt …
  • Autofahren ist sündhaft teuer. - In Japan fahren alle mit der U-Bahn. Warum das so ist, habe ich mir erst dann klar gemacht, als ich von einem “Fussball-Kicken” mit Japanern im Auto von einem Vorort nach Tokio-City gefahren bin. Wir kamen durch zwei PKW-Mautstellen und mussten jeweils etwa 8,00 Euro für eine Strecke zahlen, die man in 9 Autominuten zurücklegt. In Deutschland würde mich so jede Fahrt zum Büro und abends zurück täglich etwa 40,00 Euro kosten. Bei knapp 1.000,00 Euro im Monat würde ich entweder umziehen und mit ÖPNV fahren. Das ist genau, was in Japan passiert. Alle fahren mit den öffentlichen Nahverkehrsmitteln.
    Eine Anekdote von Alex: Eine Fahrt von Tokio nach Osaka kostet mit dem Zug 100,00 Euro und mit dem PKW inkl. Maut und Sprit etwa 230,00 Euro.
  • Grapschen wird durch Schuluniformen für Schulmädchen gefördert. - Die Japaner haben ein großes gesellschaftliches Problem mit “Grapschern” in der U-Bahn. Es gibt sogar schon Werbeplakate, die darauf hinweisen, dass Grapschen zu Gefängnisstrafe führen kann. Wenn man sich allerdings japanische Schulmädchen in Ihren Uniformen ansieht, entwickelt man fast schon Verständnis für das Problem. Die Kleidung ist körperbetont und die “Mini”-Röcke werden sehr kurz getragen. Alex sagte: “Es ist schick, den Rock so hoch wie möglich zu ziehen.”
  • Japan ist teuer. - Bis auf Sushi ist Japan im Vergleich zu Deutschland etwa 20 % bis 25 % teurer. Wer dort Urlaub macht, sollte nicht zum Einkaufen oder für Preisschnäppchen dorthin fahren.
  • Touristenfalle Hakone - In der Nähe von Tokio befindet sich ein Ausflugsgebiet, dass eine einzige Touri-Falle ist.
  • Convienience-Stores an allen Ecken - Sehr bequem und nett ist in Japan, dass es wirklich alle 50 Meter einen Supermarkt gibt, in dem man alle Dinge des täglichen Bedarfs einkaufen kann. Als Tourist lohnt es sich beispielsweise gar nicht, Getränke im Rucksack zu tragen, weil man sich an jeder Ecke entweder aus einem Automaten oder eben einem Convienience-Store eine Flasche kaufen kann.
  • Im Schlaf vereint. Sabbern gehört dazu. - Während in deutschen Zügen und S-Bahnen das Schlafen nicht ungewöhnlich ist, scheint es in Japan geradezu zur Pflichtübung zu gehören. Wir haben viel gesehen. Im Sitzen. Im Stehen. Mit dem Kopf auf der Schulter des unbekannten Nachbarn. Mund offen. Und Augen auf. Alex hat von einer besonderem Beobachtung berichtet: Ein Mann hängt mit dem Arm in einer Hängeschlaufe und schläft mit dem Kopf im Arm abgelegt und offenem Mund. Eine Frau sitzt unter dem Mann und schläft mit vornüber gebeugtem Kopf ebenfalls. Der Mann verliert im Schlaf etwas Speichel, welcher auf den Handrücken der schlafenden Frau tropft. Diese wacht auf und denkt, sie habe sich selbst besudelt und leckt den Speichel schnell weg. :shock:
  • Eine klimatisierte Welt - ob die Umwelt dadurch noch heisser wird? - Japan und insbesondere Tokio sind super heiss. 30 Grad und sehr hohe Luftfeuchtigkeiten lassen einen Schwitzen, wie sonst nur beim Hochleistungssport. Obwohl Juliane und ich ständig auswärts Essen waren und uns die Bäuche vollgeschlagen haben, haben wir in Japan abgenommen. Allerdings habe ich die Theorie aufgestellt, dass man in Japan im Hochsommer auch mit einem Wintermantel “durchkommen” kann. Man braucht sich nur von Gebäude zu Gebäude und von U-Bahn zu U-Bahn hangeln. Die sind nämlich alle bis auf 18 oder 19 Grad vollklimatisiert. In Tokio sorgen die Klimageräte aussen meiner Theorie nach noch einmal für zusätzliche 1 bis 2 Grad Zusatzhitze. :-)
  • Lustige Tankstellen mit Zapfhähnen von der Decke - In Japan gibt es an Tankstellen keine Zapfsäulen. Die Pistolen hängen weit oben in der Luft und werden zum Tanken heruntergelassen. Ein lustiges Bild.
  • Feuerwerke in Japan dauern lange und sind überaus pompös - In Yokohama haben wir einem Feuerwerk von 19.15 bis 20.45 zugesehen. Und zwar in einer Größe und Intensität, wie ich Sie zuvor nicht einmal im Film erlebt hat. Die Kosten für das Feuerwerk würde ich locker auf über 200.000 Euro schätzen. Wahnsinn!
    Allerdings waren auch sicher mehrere hundertausend Schaulustige anwesend. Ich habe noch nie so viele Menschen auf einem Platz gesehen.
  • Seeigel auf Sushi ist nicht sehr schmackhaft. - Seeigel ist eine der Spezialitäten für Sushi in Japan und entsprechend teuer. Er schmeckt wie Jodsalz und hat eine Konsistenz wie Grießbrei. :-(
  • Shower-Duschen mit Bidet-Funktion - Es gibt japanische Toiletten und Shower-WCs. Letztere sind wirklich cool. Mit Hilfe eines kleinen Duschkopfes kann man vor dem Aufstehen automatisiert das Gesäß mit warmen Wasser reinigen. Es hat einige Tage gedauert, bis ich das überhaupt ausprobiert habe. Es handelt sich aber um eine Technologie, die durchaus in Europa auch erfolgreich werden könnte. Sehr hygienisch.
  • Japanerinnen nehmen die Pille nicht. - Das habe ich nur gelesen. Ist aber wohl wahr. Es ist eine alte Überlieferung, dass die Pille nicht wirkt und schrecklich ungesund ist. In Japan sind Kondome das einzig gangbare Verhütungsmittel. Konsequenterweise sind Abtreibungen in Japan auch nicht unüblich und etwa 9mal höher als in Deutschland.
  • Handies haben Klimbim. - Japan ist dem europäischen Handy-Standard um 2-3 Jahre voraus. Nicht nur, dass die Geräte bessere Displays und mehr technische Funktionen haben. Die Handies werden auch mit allen möglichen Anhängern und “Klim-Bim” ausgestattet. Und zwar nicht nur von pubertierenden Mädchen, sondern auch von Salarimen. Selbst Alex hatte eine Figur an sein Handy gehängt. :-)
  • Tempel und Schreine gibt es in Japan auch mitten in der Innenstadt.

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6 Comments Add your own

  • 1. Alex  |  September 17th, 2005 at 7:00 pm

    Wenn ich nochmal überlege, dann fallen mir doch einige Sachen ein, die ich trotz Langzeit-Aufenthalt in Japan seltsam finde.

    Kaltwäsche - Japanische Waschmaschinen waschen mit kaltem Wasser. Richtig sauber werden die Sachen trotz hochkonzentriertem Waschmittel nicht. Vorsicht: verwendet man das japanische Waschmittel mit heissem Wasser, dann frisst es Löcher in die Klamotten.

    Japaner riechen nicht - Kosmetika in Japan dürfen nicht riechen, da es als unfein gilt, nach Parfüm zu riechen. Das trifft nicht nur auf penetrante Düfte zu, sondern auch auf leichte Kosmetika. Nivea hat deshalb in Japan nur (fast) duftfreie Produkte im Sortiment

    Mieterabzocke - als Mieter in Japan hat man es schwer. Neben Kaution und Provision muss man dem Vermieter eine Dankeszahlung in Höhe von 2 Monatsmieten leisten! Deshalb gibt es den Ausdruck “Hikkoshi-Binbo” (Umzugsarmut) - vom Umzug verarmen ist bei dieser Abzocke ein natürlicher Vorgang. Aber selbst wenn man nicht umzieht, muss man alle 2 Jahre seinem Vermieter eine Erneuerungsgebühr zahlen (wieder 2 Monatsmieten). Makler arbeiten übrigens in diesem System mit den Vermietern zusammen, anstatt Leistungen für die Wohnungssuchenden zu erbringen…

  • 2. pato chan  |  September 19th, 2005 at 8:58 am

    Im National Museum in Tokyo haben die eine Samlung von Medizinbehaelter zum Mitnehmen und auch die sind verziehrt mit Klimbim. Also der Keitaisutorappu ist nicht neu. Sondern schon mehrere Jahrhunderte. Auch haben die Manga die erklaeren wie ein richtiger Samurai sich ankleiden soll wenn er den Kaiser sprechen moechte.
    Wo sind ueberigens die Ojisan die den Verkehr regeln in deine liste?
    Ueberigens auch nog eine Frage. Warum haben Japaner ueberhaupt ein Auto? Und warum ist die Autoindustrie so gross und gleichzeitig dass Autofahren so eine Quall?

  • 3. lobo salvaje  |  September 20th, 2005 at 10:52 pm

    kurios und witzig finde ich das symbol für regenschauer im japanischen fersehen. die tropfen fallen nicht auf den regenschirm, sondern es regnet “aus dem schirm”. möglicherweise haben japanische wissenschaftler oder magier die entdeckung gemacht, lokale regenfälle und gewitter zu erzeugen ;) !

  • 4. Alex  |  September 22nd, 2005 at 8:54 pm

    Ich habe noch ein paar Sachen aus dem japanischen Unternehmen beizusteuern.

    - viele Mitarbeiter muessen ihren Arbeitsplatz selbst saeubern. Es gibt dann einmal in der Woche einen allgemeinen Saubermachtag, an dem selbst hochbezahlte Wissenschaftler staubsaugen und wischen muessen. ;-)

    - in der Mittagspause wird gepennt, soz. ein institutionalisierter Powernap. Dafuer werden sogar extra Leute eingeteilt, die zu bestimmten Uhrzeiten das Licht aus- und wieder anschalten muessen. :shock:

    Zur Frage von Pato-chan wuerde ich mal behaupten, dass es noch weitaus mehr Autos in Japan gaebe, wenn es nicht all die Schikanen gaebe wie Autobahngebuehr, Parkplatzmiete (ein eigener Parkplatz muss bei Auto-Anmeldung nachgewiesen werden). Und die Automobilindustrie waechst ja im Augenblick auch hauptsaechlich nur auf auslaendischen Maerkten, insbesondere in den USA, wo Toyota sehr erfolgreich ist. Der japanische Markt ist schon seit langem gesaettigt und die Nachfrage ist nur da, weil der japanische Staat harte Auflagen fuer regelmaessige Kontrollen gemacht hat (Quersubvention an die Autoindustrie). So muessen sich die Leute regelmaessig neue Autos kaufen. :mrgreen: Aber Japaner wollen ja auch von selbst aus meist immer neue Sachen haben…

  • 5. Neila  |  September 30th, 2008 at 2:51 pm

    hey leute (: ich liebe japan über alles und würde mich echt freuen wenn einer von euch mir etwas darüber berichten kann wie es so als au pair da ist .) hab vor für 1 jahr als au pair nach japan zu fliegen :D
    pls heeelp :/
    danke im vorraus cucu

  • 6. pupu  |  June 25th, 2009 at 9:03 am

    ich wollte schon immermal nach japan … wird wohl sehr teuer wie es scheint

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