Die eingezäunte Gesellschaft (Teil II ) - Natur vom Fließband in Hakone

September 8th, 2005 at 09:23am Alexander Müller

Touristen, die nach Japan kommen um die japanische Kultur kennenzulernen, sind nach ein paar Tagen in Kyoto meist rasch gestresst. Nicht unbedingt nur aufgrund von radikaler Tempelübersättigung, sondern oft auch von einem Mangel an Gestaltungsspielraum. Individualistische Reisende möchten nicht ständig wie Vieh an den Sehenswürdigkeiten vorbeigetrieben werden.

Den größten Fehler, den man in so einem Fall machen kann, ist es, nach Hakone zu fahren. Hakone wird von vielen Reiseführern als Enstpannungs-Ausflugsort außerhalb Tokyos mit viel Natur deklariert. Wenn man allerdings nicht mit einem eigenen Verkehrsmittel gesegnet ist, so findet sich das berühmte Fließband auch hier. Man startet meist früh morgens (von Tokyo aus) in Shinjuku und fährt mit der Odakyu-Linie los, die mit dem “Hakone Free Pass” für knapp 5.000 Yen einen ganzen Tag freie Benutzung der Verkehrsmittel in Hakone verspricht. Mit dem Free Pass erhält man auch einen Merkzettel mit dem empfohlenen Weg, den man durch Hakone nehmen sollte. Wenn man den Vulkan und den Fuji-See (Ashinoko) sehen möchte, wird man nacheinander in Zug, Bergbahn, Zahnradbahn, Gondel, wieder Gondel, Schiff, Bus und wieder Zug gesetzt, um am Ende des Tages (wieder in Shinjuku) festzustellen, dass man die meiste Zeit unterwegs war, ohne auch nur eine einzige Entscheidung selbst getroffen zu haben (mit Ausnahme davon, ob man auf dem Vulkankrater ein Schwefelei essen wollte oder nicht).

An der Seite des “Fließbandes” lief die Natur vorbei, es fehlen nur noch die Schilder “hier bitte rechts aus dem Fenster schauen”. An der Gestaltung des Fließband-Verlaufs hat selbstverständlich der örtliche Einzelhandel starken Einfluss ausgeübt. In schöner Regelmäßigkeit finden sich links und rechts an den Umsteigestationen Geschäfte für Omiyage (Souvenirs) und Verpflegung. Der Höhepunkt der Tour ist jedoch die Reise auf dem nachgemachten Piratenschiff, das thematisch überhaupt nichts mit Hakone zu tun hat, aber dem ganzen Tag noch den Hauch Kitsch hinzufügt, der fehlte.

Das Hakone-Piratenschiff - Kitsch in Perfektion

Hakone kann sehr schön sein, dafür muss man allerdings einen undenkbaren Schritt wagen: den empfohlenen Weg verlassen und auf eigene Faust losgehen, bspw. um ein kleines Onsen (eine heiße Quelle) zum Baden zu finden, oder einen Tempel in den Bergen.

Lese weiter im dritten Teil der Serie “Die eingezäunte Gesellschaft”


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2 Comments Add your own

  • 1. え~っと [e:to | jap.&hellip  |  September 9th, 2005 at 9:30 am

    […] Lese weiter im zweiten Teil der Serie “Die eingezäunte Gesellschaft”. […]

  • 2. Mart  |  September 9th, 2005 at 7:08 pm

    Ich war dabei und kann das gesagte nur unterstreichen.

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