Die eingezäunte Gesellschaft (Teil I) - Kultur hinter Vitrinen

September 6th, 2005 at 09:22am Alexander Müller

Ich habe mich vor einiger Zeit gefragt, warum man in Japan so wenig alte Sachen findet. Angefangen bei Häusern. Erdbeben hin oder her, alte Gebäude gibt so gut wie gar keine in Japan. Wenn ich meinen Freunden erzähle, dass ich in meiner Studienzeit in einem alten Kloster aus dem Jahre 1300 gewohnt habe, ernte ich nicht nur Staunen, sondern vielmehr auch Unverständnis. Alte Bausubstanz lohnt sich nicht zu erhalten. Die Regierung denkt auch so, und erteilt Kredite für Renovierungsvorhaben bis zu einem Höchstalter des Hauses von 25 Jahren. Das muss man sich einmal vergegenwärtigen: alle Häuser, die über 25 Jahre alt sind, sind nach Ansicht der Regierung nicht mehr renovierungsfähig! Zugegebenermaßen lohnt es meist nicht mehr, da Häuser in Japan nicht für die Ewigkeit gebaut werden (zur Problematik der japanischen Bauindustrie lese hier).

Nicht nur bei Wohnungen - auch bei anderen Dingen des Alltags besteht ein beinahe krankhafter Zwang, neue Gegenstände zu besitzen. Ob Automobil, Haushaltsgeräte, Möbel oder Spielzeuge, selten findet man Dinge, die älter als 10 Jahre sind. Dies hat zur Entstehung einer florierenden Sperrmüllindustrie geführt, durch die die alten Gegenstände (meist durch Ausländer) ins Ausland verkauft werden. Laden für Gebrauchtgegenstände gibt es schon, aber fast nur in Gegenden mit einem hohen Anteil von Studenten (bspw. in Takadanobaba, Nähe Waseda Universität). Und selbst die Dinge in diesen Läden können kaum als “alt” bezeichnet werden.

Wenn Japaner etwas wirklich “altes” von ihrem Land sehen wollen, dann gehen sie ins Museum oder sehen sich einen Tempel an. Alte Gegenstände gehören nach dieser Betrachtungsweise nicht in den Alltag, sondern ausgestellt. Um ein Beispiel von Alex Kerr zu bemühen: während in Oxford die Bierkrüge in den Studentenwohnheimen aus dem 15. Jahrhundert stammen und weiterhin genutzt werden, muss man in Japan schon ins Nationalmuseum gehen, um etwas aus dem 15. Jahrhundert zu sehen. Gegenstände aus der Vergangenheit, ein Stück Kultur im Alltag, werden somit verbannt hinter Vitrinenscheiben.

Durch die Entkoppelung vom täglichen Leben wird die “gelebte Alltagskultur” zur “Kultur in Museen”, die auch nur dort konsumiert werden kann. Ein Ort, der dafür prädestiniert ist, ist die Stadt Kyoto. Fast jeder Japaner war schon einmal dort, da eine Reise nach Kyoto zum Klassenfahrts-Standardrepertoire in der Schulzeit gehört. Tempel wie der Ginkakuji und der Kiyomizudera werden täglich von Horden Jugendlicher in Schuluniformen heimgesucht. Wie ein Elefantenheer laufen sie Rüssel an Schwanz durch die Pfade, am Rande derer man die “Kultur” Japans konsumieren kann.
Kultur als vorgesetzte Konsumware
(Bilddesign von Ingmar Drewing)

Die Betreiber berühmter Sehenswürdigkeiten kommen der hohen Nachfrage entgegen und haben schön die Standardwege abgesteckt, die man nehmen sollte, um die kulturellen Besonderheiten des jeweiligen Ortes zu genießen. So gibt es an fast jeder Sehenswürdigkeit in Japan einen gekennzeichneten Ort, von dem aus man ein Photo von sich selber (und der Sehenswürdigkeit) schießen sollte. Brav stellen sich alle in die Reihe und machen dort ein Photo. Auslöser gedrückt, fertig, Zeit für die nächste Sehenswürdigkeit - die Eindrücke laufen förmlich am Fließband vorbei, die Reihenfolge bestimmt von einer höheren Instanz: die brav alle Wege abgesteckt und Pfeile aufgestellt haben, um die Besichtigung vorzugeben.

Touristen, die nach Japan kommen um die japanische Kultur kennenzulernen, sind nach ein paar Tagen in Kyoto meist rasch gestresst. Nicht unbedingt nur aufgrund von radikaler Tempelübersättigung, sondern oft auch von einem Mangel an Gestaltungsspielraum. Individualistische Reisende möchten nicht ständig wie Vieh an den Sehenswürdigkeiten vorbeigetrieben werden.

Lese weiter im zweiten Teil der Serie “Die eingezäunte Gesellschaft”.


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4 Comments Add your own

  • 1. pato chan  |  September 9th, 2005 at 1:04 pm

    Ja ja jetzt wird in die Haende gespuckt, wir steigern das Brutto Sozial Produkt.
    Also der two-by-four Ramsch haelt auch in den Staten nicht laenger. 25 Jahren und weg. Gute Bauten in Holz wie die Tempel sind Schweine teuer, ausserdem ist die “Abkratz-steuer” ziemlich heftig, wenn Obaa-chan nicht mehr ist, ist das Haus auch weg. Wozu dann noch fuer mehrere Generationen bauen? Und dass es keine Bauten aus dem Jahre 1300 mehr hat hier in Japan, da kann mann jetzt schlecht was dran aendern.
    Ich sehe dein Problem aber es ist vertaendlich dass es so ist wie es ist.
    Ich habe da aber noch eine Frage. Wenn jetzt jeder Japaner ein individual Tourist waere, wie wuerde die Situation dann aussehen?

  • 2. Ingmar Drewing  |  September 9th, 2005 at 10:49 pm

    Hat sicher auch sein Gutes: Ahnungslos wie ich bin schätze ich, dass die Japaner dann zumindest keine Probleme mit der Art Konsumverweigerungsmentalität bekommen wie sie bei uns als “geil” angesehen wird…

  • 3. Alex  |  September 9th, 2005 at 11:07 pm

    Wenn die Japaner zu Individualtouristen werden, dann werden wohl zuerst einmal weniger Gruppenbilder vor den Haupt-Sehenswuerdigkeiten gemacht, schaetze ich. :mrgreen:

    Die Besucher wuerden sich gleichmaessiger verteilen. Sehenswuerdigkeiten, die total ueberlaufen sind und wo alle Wege abgesteckt sind, wuerden an Beliebtheit abnehmen, auch wenn sie in jedem Reisefuehrer als “Standard” angefuehrt werden.

    Vermutlich wuerden einige Leute (aufgrund des Mangels an kulturellen Gegenstaenden im eigenen Umfeld) diese verstaerkt an anderen Stellen suchen (bspw. in der Natur) anstatt sie in Kyoto zu konsumieren. Wobei es ja in Kyoto auch jede Menge schoene Orte gibt (Fushimi-Inari etc.), da moechte ich gar nicht pauschalisieren…

  • 4. pato chan  |  September 11th, 2005 at 12:11 am

    Hahaha dass ist jetzt lustig dass du Fushimi Inari erwaehnst. Ein Student bei mir in der Kenkyushitsu kommt aus Fushimi. Als er mir dass gesagt hat habe ich ihm gesagt, ah da hats den Inari Taisha. Ja, hat er gesagt. Schoen, oder?, habe ich ihm gesagt. Keine Ahnung, war nie dar, hat er mir geantwortet.

    “Vermutlich wuerden einige Leute (aufgrund des Mangels an kulturellen Gegenstaenden im eigenen Umfeld) diese verstaerkt an anderen Stellen suchen (bspw. in der Natur) anstatt sie in Kyoto zu konsumieren. ”

    Da liegt das Problem. Hast du dir schon mal gut angesehen mit welcher Efficienz Millionen von Touris Kiymizusaka hoch gejagt werden, durch den Tempel gelotst werden und auf dem Rueckweg yens fuer Omiyage Ramsch umgetauschen. Ist doch genial? Ich muss nicht daran denken dass die alle in die Natur loss gelassen werden oder dass ich die alle auf einmal an meine geliebte Ecken in Kyoto begegne.
    Ich finde ueberigens dass Kiyomizu unbedingt im Program gehoert. Nicht wegen der Architectur aber wegen den Japaner. Genaso wie die Metro um 0800 oder der letzten Zug voller kotzende Sarariman Freitagabend. ;-)

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