Buchrezension: “Japanese Phoenix” von Richard Katz

August 23rd, 2005 at 01:09pm Alexander Müller

Richard Katz wird vielen Japan-Interessierten schon aufgrund seines Buches “The System that Soured” bekannt sein, in dem er zutreffend Japans Mailaise begründet, die zur Wirtschaftsflaute der 1990er Jahre geführt hat. Sein neues Buch “Japanese Phoenix - the Long Road to Economic Revival” analysiert, wie der Titel bereits andeutet, die Gesundung des kranken Mann von Asien.

Ein erster Blick auf das Cover lässt vermuten, dass wir es hier mit einer populärwissenschaftlichen Veröffentlichung zu tun haben: ein großer roter Kreis und ein etwas kitschiger Phönix zieren den Einband. Der Eindruck trügt allerdings etwas. Das Inhaltsverzeichnis lässt eine analytische Struktur erkennen und das Literaturverzeichnis am Ende des Buches ist mehr, als man manchmal in angeblich “wissenschaftlichen” Veröffentlichungen findet.

Teil I: “Supply and Demand”
Das Buch ist in fünf Teile untergliedert. Katz beginnt, indem er im ersten Teil “Supply and Demand” das Misserständnis ausräumt, dass Japans derzeitiges niedriges Wirtschaftswachstum auf ein Nachfrageproblem zurückzuführen ist, wie gerne von Politikern und sogar Wirtschaftswissenschaftlern (sogar Koryphäen wir Krugman) gerne behauptet wird. Stattdessen ist die niedrige Nachfrage der Verbraucher und Investitionsunwilligkeit der Unternehmen nur ein Symptom von strukturellen Problemen der Angebotsseite: ineffiziente Sektoren (Transport, Einzelhandel, Agrar, Chemie, Pharmazeutik, etc.) werden durch hohe Preise und Regulierungen am Leben erhalten und von ausländischem Wettbewerb abgeschirmt. Die Folge ist, dass auch wettbewerbsfähige Sektoren wie die Automobil- und Elekronikindustrie hohe Inputpreise zahlen müssen, was eine Verlagerung in Niedriglohnländer (meist die asiatischen Nachbarn) und damit eine Aushöhlung der japanischen Wirtschaft zur Folge hat.

Teil II: “Macroeconomic Policy Debates”
Dass die japanische Regierung (Katz beschreibt zutreffend die Entscheidungsmuster im japanischen Politikgefüge) jedoch die notwendigen Reformen in den ineffizienten Sektoren (die Angebotsseite) lieber durch geldpolitische Maßnahmen (Nullzinspolitik und großangelegte öffentliche Maßnahmen, die zu Budgetdefiziten führen) substituiert, ist das augenblickliche Dilemma Japans. Dies ist der Inhalt des zweiten Teils “Macroeconomic Policy Debates”. Statt die Ursachen zu beseitigen, wird an den Symptomen herumgedoktort. Geldpolitische Stimuli funktionieren hervorragend in einer wachsenden Wirtschaft, in der augenblicklichen Rezession jedoch haben diesen ihren Mulitplikatoreffekt weitgehend verloren: für jeden von staatlicher Seite eingesetzten Yen wird nur ein geringer Nutzen erbracht. Stattdessen leiden die Verbraucher unter der staatlichen Einflussnahme, denn deren Ersparnisse verlieren an Wert, wenn die tatsächlichen Zinsen unter der Teuerungsrate liegt. Statt dass die Verbraucher der ökonomischen Lehrbuchmeinung folgen und durch niedrigere Zinsen mehr Käufe tätigen, ist das Vermögen vieler Japaner durch die hohen Preise in dem Maße gebunden, dass gar keine Käufe mehr möglich sind (mangelnde Kaufkraft statt Kaufunwilligkeit).

Teil III: “Globalization - The Linchpin of Reform”
Der geringe Internationalisierungsgrad der japanischen Wirtschaft ist einer der Gründe, weshalb die Beseitigung der Ineffizienzen in Japan so langsam voranschreitet. Indem die ineffizienten Unternehmen durch ausländischen Wettbewerber in ihrer Existenz bedroht werden, erhalten sie einen starken Anreiz, ihre Verfahren und Abläufe zu verbessern. Wettbewerbsfähige Branchen sind durch starke Fluktuationen in Marktanteilen gekennzeichnet (dies spiegelt den wissensschaffenden Wettbewerb wider), die ineffizienten Branchen in Japans Wirtschaft (bspw. Chemie) teilen jedoch seit Jahren den Kuchen gleichmässig unter den teilnehmenden Unternehmen auf. Katz beschreibt Globalization als “linchpin of reform”, und führt dazu unter anderem Toys R Us an, die durch ihren (gegen japanische Politiker hart erkämpften) Markteintritt eine enorme Preissenkung von Spielzeug für die japanischen Verbraucher bewirkten. Fälle wie Toys R Us sind jedoch rar. Obwohl die Zahl der tatsächlichen Importe nach Japan in den 1990ern gestiegen sind, handelt es sich beim Großteil der Importe jedoch um sog. “captives”, bei denen japanische Unternehmen im asiatischen Umland produzieren, und diese Waren wieder nach Japan einführen. Das Problem mit diesen captive Importen ist, dass sie das Preisgefüge in Japan nicht infrage stellen und keinen stärkeren Wettbewerb auslösen. Stattdessen wird durch die Substitution des Produktionsstandortes nur die Inputkosten für die Unternehmen gesenkt, die diese jedoch nicht an die Verbraucher weitergeben.
Katz beurteilt ausländische Direktinvestitionen (FDI: Foreign Direct Investment) in Japan als einen starken Treiber für Reform, da die japanische Regierung FDI weitaus mehr Spielraum lässt als ausländischen Importen. Das Ausmaß von FDI ist in Japan im Vergleich zum Rest der Welt sehr gering (Japan 0.3% des GDP von 1999, OECD-Mittel ist 2.7% des GDP). Einige Fälle, in denen ausländische Firmen als Retter von bankrotten japanischen Firmen aufgetreten sind (Merril Lynch bei Yamaichi Securities, Ripplewood Holdings bei Long Term Credit Bank of Japan, Renault bei Nissan) ohne übermässig Arbeitsplätze abzubauen, haben das Image von M&A stark verbessert, so trotz des geringen Umfangs eine starke Einflussnahmen auf Geschäftspraktiken und Unternehmensführung erwartet wird. Insbesondere aber im Finanzsektor, wo ausländische Unternehmen sehr aktiv sind, werden ausländische Unternehmen von japanischen Aufsichtsbehörden (FSA, Financial Supervisory Agency) starke informelle wettbewerbsrechtliche Beschränkungen auferlegt, bspw. in Form von äußerst strenger Handhabe von Insider-Kontrollen und Ausschluss von Märkten (bspw. im Fall von ING, wo ein Analyst japanische Unternehmen angeblich zu kritisch bewertet hatte, was sich im Nachhinein jedoch als richtig heraustellte. Die FSA fand einen Kommafehler in der Bewertung von Materialbeständen, und drängte ING zur Entlassung des Mitarbeiters, dem diese jedoch nicht stattgab) . Auch hier haben die eingesessenen japanischen Marktteilnehmer ihre Einflussnahme auf politische Entscheidungsträger noch nicht verloren, was den tatsächlichen Reformprozess stark bremst.

Teil IV: “Structural Reform: A Progress Report”
Im vierten Teil führt Katz die Analyse der Problembereiche hinein in den Bereich der strukturellen Reformen, die derzeit unter der Koizumi-Administration durchgeführt werden. Die oben bereits angeführten Änderungen im Finanzbereich, wie stärkere Einflussnahme der Anteilseigner, Corporate Governance nehmen eine zentrale Stellung ein, um Japans Wettbewerbsfähigkeit wieder herzustellen. Katz äußert sich auch sehr optimistisch, was Reformen in anderen Bereichen wie Unternehmensorganisation (Effizienzsteigerung), Wettbewerbspolitik (mehr Wettbewerb), Steuerpolitik, Arbeitsmarktreformen (höhere Mobilität) und die Privatisierung von staatlichen Unternehmen angeht. Hier sieht er Verbesserungen, die den japanischen Phönix bildlich wieder aus der Asche auferstehen lassen sollen. Einigen der Aspekte kann man jedoch gerade derzeit Problemen in der Umsetzung entgegenstellen, wie bspw. der Privatisierung der staatlichen Post, die sich als weitaus schwieriger und konfliktbeladen erweist, als ursprünglich von Koizumi avisiert. Skeptik bleibt angebracht.

Teil V: “U.S.-Japan Relations in This Crisis”

Für den europäischen Leser ein wenig überflüssig ist der letzte Teil des Buches, in dem Katz Gemeinsamkeiten zwischen Japan und den USA heranzieht, um Handlungsempfehlungen abzuleiten. Wen es interessiert, soll es lesen. Es ist nur ca. 20 Seiten lang und kann ohne Probleme übersprungen werden…

Abschließende Bewertung
Das Buch erklärt volkswirtschaftliche Zusammenhänge übersichtlich (VWL light) anhand vieler Graphen und Tabellen, ohne jedoch in Erbsenzählerei auszuarten. Auch wenn die Sprache hin und wieder etwas salopp ist (man erkennt den Journalisten in Katz), so ist das Buch sehr angenehm zu lesen. Manchmal wirkt die Auflistung von Kennziffern und der Sprung zwischen Politik- und Wirtschaftsdomäne etwas ad hoc, aber der rote Faden ist erkennbar. Bei einigen Aspekten würde ich widersprechen. Insbesondere der angekündigten IT-Revolution in Japan und deren Einfluss auf den Abbau von Ineffizienren kann ich so nicht zustimmen. Dies wird meiner Meinung nach noch weitaus länger auf sich warten lassen, da aufgrund von zu westlichen Unternehmen konträren kognitiven Modellen von Technologie diese kaum Unternehmensstrukturen ändert. Über diese Punkte kann man sich jedoch streiten, und sollte sich nicht vom Kauf des Buches abhalten lassen.

Meine Empfehlung: Lesen! :mrgreen:


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1 Comment Add your own

  • 1. Lesezeichen  |  November 16th, 2007 at 5:59 pm

    Teil V ist etwas kurz besprochen. Gibt es denn auch zum Gedanken zu Parallelen zwischen Deutschland und Japan?

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