Fuji-Besteigung - kein Kindergeburtstag!
August 6th, 2005 at 01:28am Alexander Müller
Der Fuji ist Japans hoechster Berg, und 3776 Meter hoch. Na ja, auf den Postkarten sieht er natuerlich nicht so hoch aus. Wahrscheinlich deshalb zieht es jedes Jahr unzaehlige Japaner und Touristen zu einem kleinem Abstecher zum Gipfel. In Japan sagt man, man muesse den Fuji mindestens einmal im Leben besteigen (aber auch nur einmal… wenn man erst einmal weiss, worauf man sich da eingelassen hat, wird man es nicht noch ein zweites Mal tun…).

Die Anreise
Der Aufstieg beginnt an der 5. der insgesamt 10 Stationen, wohin man mit dem Bus gelangen kann. Es gibt mehrere 5. Stationen, je nachdem, aus welcher Richtung man anreist. Reisende aus Tokyo kommen wahrscheinlich an der Nordseite des Fuji an, der 5. Station des Kawaguchi-ko. Sie befindet sich 2305 Meter ueber dem Meeresspiegel. Den Rest muss man leider laufen…
Ideal ist es, wenn man die Anreise auf den Abend legt, um den Sonnenaufgang am Gipfel zu erleben. So haben wir Wagemutigen es auch gemacht. Die Anreise erledigt man am guenstigsten mit dem Fuji Highway Bus von Shinjuku aus, das Ticket bis zur 5. Station kostet one-way schlappe 2600 Yen.
So kamen wir dann am gegen 22:00 am Fuji an. Direkt nach unserer Ankunft inspizierten wir erst einmal einen Laden fuer Kletterzubehoer- die Preise ueberstiegen jegliche Erwartungen (negativ, natuerlich). Selbst die Toiletten waren kostenpflichtig (50 Yen), wobei ich gluecklicherweise zum Besuch derselben eingeladen wurde.
Wir sollten es jedoch bereuen, vom Kauf der Sauerstoffdosen abgesehen zu haben… eine kleine Vorausdeutung. Aber schliesslich liess es mein lonely planet Reisefuehrer so aussehen, als ob die Fujibesteigung von Anstrengungsgrad einem Sonntagsspaziergang gleichkaeme, ein fataler Irrtum. Anfangs gestaltete sich der Aufstieg als relativ unproblematisch, und wir gingen ihn relativ zuegig an. Mit steigender Hoehe wurde es etwas felsig und auch die Luft duenner, das Keuchen meiner Mitstreiter vor und hinter mir (vielleicht auch mein eigenes???) machte mich wuenschen, eine Sauerstoffdose gekauft zu haben. An den Geschaeften der weiteren Stationen war solcher Kletterzubehoer jedoch bereits unerschwinglich geworden, Preise fuer Taschenlampen, Nudelsuppen, Wanderstoecke und Getraenke inflationierten proportional zur steigenden Hoehe.
Faustregel fuer Artikel am Fuji: normaler Artikelpreis*Station des Fuji = Realpreis
Höhenkrankheit ab der 8. Station
Schliesslich erreichten wir im Licht unserer Taschenlampen die 8. Station auf etwa 3400 Meter Hoehe. Viele plagte bereits leichte Kopfschmerzen, die ersten Anzeichen von Hoehenkrankheit. Auch unsere Reihen lichteten sich, die Zurueckgebliebenen erfreuten sich des Komforts eines Schlafplatzes in einer der vielen Bergbaracken, die diese (wohlgemerkt kein Zimmer) zum Spottpreis eines Mittelklassehotels in Tokyo anbieten. Die Geschaeftsbesitzer am Fuji extrem geschaeftstuechtig und machen unmissverstaendlich deutlich, dass Zahlungsunwillige auch bei stroemendem Regen keinen Zutritt haben.
Wir hatten Glueck mit dem Wetter, aber der Sonntagsspaziergang wurde langsam zu einer sportlichen Hoechstleistung, und Erschoepfung machte sich breit. So ließen wir uns schließlich zu einer 5 Sterne-Nudelsuppe im “Fuji-Hotel” (Hotel ist zuviel gesagt, Fuji-Baracke waere angemessener) nieder. Und diese Ramen (obwohl nur simple Instant-Ramen) waren eine der leckersten, die ich bis zum heutigen Tage gegessen habe. Nach dieser Staerkung hielten wir die auf 30 Minuten begrenzte Aufenthaltszeit ein, und machten uns auf die Weiterreise. Wir naeherten uns bereits dem Gipfel, da staute sich sowohl der Verkehr, als auch die Unlust zum Weiterklettern an. Der Tiefpunkt meiner Klettermotivation war gegen 4:00 morgens erreicht. Welcher Sonnenaufgang koennte fuer solch eine Plackerei entschaedigen?
Sonnenaufgang über dem Wolkenmeer
Kaum zu glauben, aber wahr: wir wurden angemessen entschädigt! Unsere Anstrengungen wurden mit einem wunderschoenen Sonnenaufgang ueber dem Wolkenmeer belohnt… um ca. 4:50 morgens genossen wir die atemberaubende Sicht vom Kraterrand des Fuji auf den Yamanaka-ko, den groessten der 5 Fujiseen, im Hintergrund das Wolkenmeer, während sich der Himmel langsam von schwarz, zu grau, dunkelblau zu azur verfärbte. Nach Meinung eines Berghuettenbesitzers der schoenste Sonnenaufgang seit mehreren Wochen, lucky!
Ein realistisches Fazit
Nach bestandenen Abenteuern neigt man immer dazu, die Ereignisse schoenzureden. Auch die Besteigung des Fuji erscheint im nachhinein in einem anderen, positiveren Licht. Aber dennoch vergesse ich nicht ganz die Schattenseiten. Waehrend des Aufstiegs in der Dunkelheit, und noch vielmehr waehrend des Abstiegs, fragte ich mich mehrmals nach den Gruenden, die mich in diese schwarzgesteinige Einoede gebracht haben. Auch mein Kreislauf erholte sich erst wieder nach der Rueckkehr zur 5. Station, einer geleerten Colaflasche und einer halben Stunde Schlaf.

Vor dem Aufstieg sagten viele meiner Freunde, der Fuji sei kein Berg zum Besteigen, sondern zum Ansehen auf Postkarten. Vollkommen will ich dem nicht zustimmen. Die Erfahrung, die wir gemeinsam gemacht haben, war es wert, auch wenn sie nicht gerade angenehm war. Meine Empfehlung: wenn man sich wirklich fit fuehlt, soll man es wagen. Nehmt Euch viel Zeit (wir haben es etwas ueberstuerzt) und investiert das Geld in die Sauerstoffdose.
Viel Glueck!
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4 Comments Add your own
1. pato chan | August 8th, 2005 at 3:12 pm
Mir wurde gesagt der ganze Berg rieche nach Urin, auch in den Berghuetten wo man fuer teures Geld uebernachtet. Auch sei alles voller Muell. Eigentlich nur Horrorgeschichten gehoert….
2. mkops | August 12th, 2005 at 4:25 pm
sportlich sportlich
3. Alex | August 14th, 2005 at 8:12 pm
Tja, der sportliche Anreiz dabei ist wohl so mit das einzige, was man am Fuji positiv bemerken kann (ausser natuerlich der Sonnenaufgang vom Gipfel…). Die Natur ist nicht besonders spektakulaer - da sind Berge in Hokkaido und Nordhonshu (bspw. Hakkodasan, dazu schreibe ich mal demnaechst was) sehr viel schoener.
Und das mit dem Uringeruch stimmt auch! (auch wenn das mit dem Geschaefte-verrichten dort eigentlich fast unmoeglich ist, weil man bis zum Gipfel in einer Schlange laeuft und daher keine Privatsphaere vorherrscht).
4. Christian Engl | November 8th, 2005 at 6:33 am
Hi!
Also ich fand deinen Bericht ganz lustig.
Ich hatte den Fuji letztes Jahr bestiegen, genau auf deiner Route
(www.christianengl.de/2004_japan.html)
Aber so ganz kann ich nicht zustimmen. Sauerstoffdosen ? Naja, braucht man nicht wirklich, wenn man etwas bergerfahren und bisschen höhentauglich ist! Und wie du sagtest, nicht hinaufläuft. Ich sah da teilweise 70 jährige Japaner in Halbschuhen hinaufgehen!! Da denkt man dann schon, DER war doch noch NIE auf einem Berg! Naja, und das Fuji-san Hotel, sicher kein Hotel, aber es sollte doch reichen für die eine Nacht. Also ich fands lustig.
Und dass alles “voller Müll” wäre stimmt so auch nicht ganz. Man sollte bedenken, dass da oben viel Verkehr ist. Und das da dann schon mal was rumliegt sollte klar sein. Aber es gibt keine Müllberge.
Christian
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