Die Betonmischer - oder “warum ist Japan so häßlich?”
August 15th, 2005 at 02:57pm Alexander Müller
Immer wenn mich Freunde und Bekannte in Japan besuchen kommen, geht das Spiel von vorne los. Ich stelle mir die Frage, wie ich sie am besten auf den Schock vorbereite, den sie haben werden, wenn sie vom Narita Flughafen nach Tokyo reinfahren, und mit der Häßlichkeit der japanischen Betonwüste konfrontiert werden. Obwohl sicher nicht alle Natur und Tempel erwarten, wenn sie nach Tokyo kommen, so sind doch die wenigsten vorbereitet auf das Chaos an Häusern und Strommasten, das sich über die gesamte Kanto-Bucht zieht.
Viereckige Wellblech- und Holzkonstrukte, Beton so weit das Auge reicht - auf den ersten Blick unterscheidet sich Tokyo vom Stadtbild her kaum von dem eines Entwicklungslandes. Und das gilt auch für viele weitere Städte in Japan.

Vieles lässt sich auf die ineffiziente Bauindustrie schieben. Durch staatliche Regulierung und Lobbying vom internationalen Wettbewerb abgeschirmt, hat sie seit Jahrzehnten keinerlei Anreiz, Bauverfahren zu verbessern und den Japanern “schöneres und komfortablerers Wohnen” anzubieten. Für die Konstruktion von Häusern gibt es eine Unzahl von Designstandards, d.h. es ist genau festgelegt, welches Material in welcher Form verwendet werden muss, aber es gibt kaum Funktionsstandards, durch die lediglich die Funktionalität der Materialien (bspw. Erdbebensicherheit etc.) geregelt wird, aber die genaue Ausgestaltung der jeweiligen Firma überlassen wird. Die Folge ist geringer Wettbewerb und keine Innovation.
Gefördert wird diese Stagnation noch durch die enge Verbindung der Bauindustrie zur Politik. Öffentliche Bauvorhaben (und davon gibt es eine Menge, wie die vielen Brücken, Autobahnen etc. belegen, die ins Nirgendwo führen) werden meist in kuscheligen Hinterzimmerbesprechungen an Baufirmen vergeben, die in ihren Reihen altgediente Bürokraten beschäftigen (Amakudari). Freier Wettbewerb würde die Strukturen dieses Auffangnetzes zerstören, weshalb die Akteure keinen Anreiz haben, einen grundlegenden Wandel in diesem Sektor (etwa durch wettbewerbspolitische Maßnahmen) zu bewirken.
Die augenblickliche Wirtschaftskrise in Japan ist ein Sympton dieser Vorgehensweise. Öffentliche Finanzspritzen für Bauvorhaben können kurzfristig einen Stimulus auf dem Markt bewirken (etwa wenn die Regierung den Auftrag für eine Shinkansen-Anbindung nach Hokkaido in Auftrag gibt), aber auf lange Sicht wird nur an den Symptomen herumgedoktort. Die Ursachen für die Deflation in Japan sind nämlich nicht nachfragebasiert, sondern resultieren in inhärenten Problemen der Angebotsseite. Die Ineffizienzen in Japans geschützten Sektoren (sei es die Bauindustrie, Nahrungsmittel, Transport, etc.) sind die wahren Ursachen des geringen Wirtschaftswachstums.
Japans Faktorproduktivität stieg aufgrund von mangelnden Verbesserungen in ineffizienten Wirtschaftssektoren in den 1990er Jahren nur um 0.6 Prozent (gegenüber 2.5 Prozent in den 1970er und 1.4 Prozent in den 1980er Jahren). Anstatt effizientere Verfahren und produktivitätssteigernde Maßnahmen (etwa durch mehr Wettbewerb in diesen Branchen durch Abbau von Importschranken oder Regulierung) vorzunehmen, hat die japanische Regierung nur Tonnen von unproduktiven Investitionen vorzuweisen. Die Quersubventionierung durch die wettbewerbsfähigen Bereiche Japans (etwa Automobil oder Elektronik), die bislang dieses System am Leben erhalten hat, wird durch die zunehmende Auslagerung an Niedriglohnländer schwierig. Die Anteile von Automobil und Elektronikbranche in der japanischen Wirtschaft sind in den 1990er Jahren rapide gesunken. Zurück bleibt ein duale Wirtschaft, in der der Großteil der Arbeitnehmen in ineffizienten Bereiche beschäftigt ist - von den effizienten Industrien verbleiben nur einige wenige Kernfunktionen in Japan.
Zurück zur Bauindustrie. Die Materialverschwendung durch die Unternehmen in diesem Bereich ist legendär.
Another example of gross wastage on a Soviet scale is the inexplicably huge amount of iron and steel used in construction. In the United States iron and steel in construction amount to 8 percent of construction inputs and 1 percent of total U.S. GDP, but in Japan they add up to 34 percent of construction inputs and 2.8 percent of total GDP.
Amazing. The entire capital investment of Japan in 1997 - business, government, and housing - was 30 percent of GDP. A full one-tenth of that was simply the steel used in construction. Does that make any sense? One suspects steel was used not because it was needed but to support the steelmakers via taxpayer and consumer dollars. Quelle: Katz, 2003
Was auf Stahl und Eisen zutrifft, gilt auch für Beton. Japan verbraucht mehr Beton als jedes andere Industrieland. Die Resultate sind nicht nur Wohnungen mit dem Wohnlichkeitsgrad einer Plattensiedlung, Wolkenkratzer, und häßliche Stadtbilder, sondern zeigen sich auch in Küstenregionen. Hier hat die Bauindustrie unter dem Vorwand der Erdbebensicherheit (Schutz vor Tsunami-Hafenwellen) Millionen von Betonklötzen im Meer versenkt.

Es ist heutzutage schwer, einen Küstenabschnitt zu finden, der nicht von Beton verschandelt worden ist.

In Japan gibt es eine eigene Lobby-Organisation, die für die Verbreitung von Beton zuständig ist. Das “Japan Concrete Institute” hat es sich zur Aufgabe gemacht, “die Forschung über Beton voranzutreiben”, aber vom Aufbau her sieht es eher so aus wie ein Sammelbecken für Beton-Lobbyisten, die ihren nächsten großen Coup zur Verschandelung der japanischen Natur planen.
The Institute was originally established in July 1965 as the “Japan National Council on Concrete” with “Japan ACI” the Japan Chapter of the American Concrete Institute formed in 1962 as a nucleus. Approval for incorporation was received from the Minister of Construction in 1967. The name of the organization was changed in May 1975 to “Japan Concrete Institute (JCI)” as it is known today. Quelle: Japan Concrete Institute
Dass als Vizepräsident der Chef von Mitsubishi Materials, einer großen Zementfabrik, eingesetzt wurde, zeigt die Nähe zur Wirtschaft. Auch die Mitgliederstruktur, etwa 340 Organisationen, die “the objective and activities of the Institute” unterstützen, wird von der Bauindustrie gestellt.
Bei Gesprächen mit Japanern wundert mich immer wieder, dass der Zustand nicht kritisch hinterfragt wird. Ich möchte ja niemandem deutsche Wohnverhältnisse aufzwingen, aber dass Wohnen in Japans Wohnungen alles andere als komfortabel ist, ist wohl kaum diskussionsbedürftig. Und was die “Schönheit” von Japans Städten und die zerstörte Küstenregionen angeht… meist wird mit dem Argument “wir haben ja Erdbeben, und deshalb muss das so gebaut werden” gekontert, was meines Erachtens wenig überzeugend ist. Dennoch regt sich kaum Widerstand gegen die Bauindustrie und die Vetternwirtschaft mit der Politik. Leiden 130 Mio. Menschen unter Geschmacksverirrung?
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4 Comments Add your own
1. pato chan | August 16th, 2005 at 12:30 pm
Es hat schon Leut die kritisch sind. Ein Bekannter von mir hat ein System entwickelt wo man mit viel weiniger Material bauen kann. Er hat darauf eine grosse Firma kontaktiert. Und die waren nicht interessiert, seine Idee laesse sich schlecht mit den bestehende Maschinen herstellen…. Darauf hin hat er eine kleinere Firma kontaktiert, die dass schon koennen obwohl das Endprodukt nicht in deren Produktpalette steht. Darauf hat die grosse Firma ihm mit der Yakuza gedroht. Gross will heissen eine Firma mit einem Namen die mann auch auf total andere Produkte und/oder Leistungen finden kann. (Du gehst zum Tischler und sagst ich moechte ein Tisch mit Schubladen, der sagt nein sowas dummes mache ich nicht, und du gehst zum Schreiner mit der gleiche Frage, der wird dir sagen ein Tisch habe ich noch nie gemacht aber meine Schubladen sind Einz A Klasse, den Schubladentisch mach ich dir gerne. Der Tischler ist aber sauer, sehr sauer.)
2. Martin | August 27th, 2005 at 4:38 am
Ich war auch bei Alex in Japan. Zwar bin ich nicht direkt vom Narita-Airport aus in den Schockzustand ob der Betonmassen versetzt worden, dafür erhole ich mich jetzt nur langsam von dem Langzeitkoma …
Tatsächlich gibt es in Japan unheimlich viel Beton und häufig eine recht lieblose Architektur. Allerdings nicht überall.
3. え~っと [e:to | jap.&hellip | September 9th, 2005 at 9:23 am
[…] Ich habe mich vor einiger Zeit gefragt, warum man in Japan so wenig alte Sachen findet. Angefangen bei Häusern. Erdbeben hin oder her, alte Gebäude gibt so gut wie gar keine in Japan. Wenn ich meinen Freunden erzähle, dass ich in meiner Studienzeit in einem alten Kloster aus dem Jahre 1300 gewohnt habe, ernte ich nicht nur Staunen, sondern vielmehr auch Unverständnis. Alte Bausubstanz lohnt sich nicht zu erhalten. Die Regierung denkt auch so, und erteilt Kredite für Renovierungsvorhaben bis zu einem Höchstalter des Hauses von 25 Jahren. Das muss man sich einmal vergegenwärtigen: alle Häuser, die über 25 Jahre alt sind, sind nach Ansicht der Regierung nicht mehr renovierungsfähig! Zugegebenermaßen lohnt es meist nicht mehr, da Häuser in Japan nicht für die Ewigkeit gebaut werden (zur Problematik der japanischen Bauindustrie lese hier). […]
4. え~っと [e:to | jap.&hellip | December 1st, 2005 at 1:18 am
[…] Ich habe mich ja schon des öfteren über die japanische Bauindustrie aufgeregt (siehe u.a. im Artikel Die Betonmischer), aber die Baustellenvorbeiwinker und der nächtliche Straßenbau regen wohl eher nur zum Schmunzeln an. […]
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