Was ist Forschung eigentlich noch wert?
June 11th, 2005 at 05:53pm Alexander Müller
In schaurig-schöner Regelmäßigkeit stolperten in den vergangenen Jahren selbst prominente Wissenschaftler über Betrugsskandale. Doch die wenigen spektakulären Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs, wie jetzt die erste groß angelegte Studie über wissenschaftliches Fehlverhalten in den USA nahe legt. (Quelle: Spiegel Online Wissenschaft)
Ein Team um Brian Martinson von der Health Partners Research Foundation hat 3247 US-Wissenschaftler befragt - darunter Biologen, Mediziner, Chemiker, Physiker, Ingenieure und Sozialwissenschaftler. Das erschreckende Ergebnis, nachzulesen in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts “Nature”: Jeder dritte Forscher hat nach eigenen Angaben allein in den vergangenen drei Jahren mindestens ein potentiell strafwürdiges Vergehen begangen.
Jeder dritte Forscher manipuliert
6 Prozent der Befragten haben eingeräumt, in ihren Fachartikeln Daten verschwiegen zu haben, die ihren eigenen Forschungsergebnissen widersprochen hätten. 15 Prozent hätten Daten ignoriert, von denen sie “aus dem Bauch heraus” geglaubt hätten, sie seien falsch. Besonders bedenklich: Weitere 15 Prozent der befragten Wissenschaftler hätten den Aufbau, die Methodologie oder die Ergebnisse einer Studie verändert, weil sie von ihren Geldgebern unter Druck gesetzt worden seien. (Quelle: Spiegel Online Wissenschaft)
“US-Wissenschaftler zeigen Verhaltensweisen, die weit über Fälschungen, Erfindungen und Plagiate hinausgehen”, schreiben Martinson und seine Kollegen. Es sei vor allem das scheinbar banale, dafür aber weit verbreitete Fehlverhalten, das für die Integrität der Forschung mittlerweile eine große Gefahr darstelle. Man müsse daher mehr als nur die prominenten, aber seltenen Fälle von Forschungsbetrug betrachten.
Als Gründe für die immer weiter um sich greifenden Verstöße machen die Forscher eine ganze Reihe von Faktoren aus. So seien Wissenschaftler heutzutage hartem Wettbewerb und strenger Regulierung ausgesetzt, heißt es in “Nature”. Hinzu kämen gesellschaftlicher Druck und immer höhere Anforderungen aus den Chefetagen von Unternehmen.
Das Werkzeug determiniert nicht die Richtigkeit der Nutzung!
Als Doktorand, der mit Fallstudien arbeitet (ein in den meisten Fällen qualitatives Werkzeug), muss man sich seitens der quantitativ arbeitenden Forscherwelt (insbesondere von den mit Experimenten forschenden Naturwissenschaftlern) oft den Vorwurf gefallen lassen, dass Forschungsergebnisse von Fallstudien subjektiv und leicht zu fälschen seien. Meine Meinung dazu: Die Möglichkeiten einer Fälschung sind sowohl in qualitativen als auch quantitativen Forschungen gleich! Darüber hinaus muss sich ein qualitativ arbeitender Forscher genau darüber Gedanken machen, was er veröffentlicht, da er intuitiv mit Gegenargumenten und Fälschungsvorwürfen rechnet - im Vergleich dazu wird bei quantitativen Forschungen oft blind den Zahlen vertraut, so dass hier meiner Meinung nach der Spielraum größer ist!
Martin Seibert schreibt bspw. sehr zutreffend über die Mächtigkeit von Statistiken:
Man stellt immer wieder fest wie erschreckend naiv mit Statistiken und Auswertungen umgegangen wird. […] Es ist schon vorgekommen, dass sich Kunden so sehr in die Richtigkeit der Statistiken versteift haben, dass sie für jeden auch noch so offensichtlichen Fehler eine Erklärung gefunden haben.
In einer Zeit, in der die Menschen Schwierigkeiten mit der Unterscheidung von arithmetischen Mittel und Median haben und Ökonometrie, Zeitreihenanalyse, Korrelation und Regression Fremdworte sind, ist der Umgang mit Zahlen und Statistiken verantwortungsbewusst und wohldosiert vorzunehmen. (Quelle: kalyxo denkt - Martin Seiberts Weblog)
Es stellt sich abschließend natürlich noch die Frage, ob die Ergebnisse der quantitativen Umfrage zum Fälschungsverhalten nicht auch manipuliert wurde…
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