Wenn Sumo-Ringer mogeln
June 9th, 2005 at 10:32pm Alexander Müller
Neben Baseball ist in Japan Sumo wohl eine der Sportarten mit den meisten Fans. Sumo ist eine Form des Ringkampfes. Ziel des Kampfes ist es, den Gegner aus einem sandbedeckten, mit einem Strohseil abgesteckten Kreis von 4,50 m Durchmesser zu drängen, oder ihn so aus dem Gleichgewicht zu bringen, dass er den Boden mit einem anderen Körperteil als den Fußsohlen berührt. Ein einzelner Kampf dauert meist nur einige Sekunden, auf einem typischen Turnier finden dafür aber mehrere hundert Kämpfe statt.
Wenn man einen Japaner mit der Aussage konfrontiert, dass Sumo-Ringer mogeln, dann stoesst man auf grosses Erstaunen, wenn nicht sogar Feindseligkeit. Nichtsdestotrotz spricht einiges dafuer. Um dies zu erlaeutern, muss zunaechst der Aufbau der „Sumo-Liga“, und die dadurch gegebene Anreizstruktur der Ringer erklaert werden.
Aufbau der Sumo-Liga
Die oberste japanische Sumo-Liga ist die Makuuchi-Division. Sie ist in mehrere Kampfklassen unterteilt, nämlich (von unten nach oben):
- Maegashira,
- Komusubi,
- Sekiwake,
- Ozeki und
- Yokozuna.
Die Makuuchi-Division bildet (zusammen mit der Juryo-Division, die ihr unterstellt ist) die Elite unter den japanischen Sumo-Ringern. Diese 66 hoechstrangigsten Sumo-Ringer geniessen hohes gesellschaftliches Ansehen. Jeder Ringer, der zu den besten 40 zaehlt, verdient mindestens 170.000 EUR im Jahr, an der Spitze (Yokozuna und Ozeki) werden jaehrlich Millionenbetraege ausgezahlt, die oft noch durch Werbeeinnahmen vervielfacht werden.
Die Rangordnung (Banzuke)
Der Rang eines Sumo-Ringers wird durch Turniere ermittelt, die sechsmal im Jahr stattfinden (dreimal in Tokyo, jeweils alternierend mit Nagoya, Osaka und Kyushu). Jeder Ringer nimmt in jedem Turnier an 15 Wettkaempfen teil, die ueber die 15 Wettkampftage verteilt sind. Wenn ein Ringer den Wettkampf mit einem positiven Resultat – d.h. 8 Siege oder mehr – abschliesst, so steigt er in der Rangordnung (Banzuke) auf.
Schliesst er mit einem negativen Resultat ab (d.h. weniger als 8 Siege), so steigt er ab. Liegt das Ergebnis weit unter 8 Siegen, so kann ein Sumo-Ringer sogar voellig aus der „Oberliga“ gestrichen werden. Der achte Sieg eines Sumo-Ringers ist daher besonders wichtig (statistisch betrachtet etwa 4-mal so viel wie andere Siege).
Die Anreizstruktur eines 7-7 Sumo-Ringers
Wenn folglich ein Sumo-Ringer am letzten der 15 Wettkampftage eine Wertung von 7 Siegen und 7 Niederlagen vorzuweisen hat, ist der letzte Kampf fuer ihn besonders wichtig. Verliert er, wird er in der Rangordnung herabgesetzt, gewinnt er, so kann er seinen Status behaupten.
„The incentive scheme that rules sumo is intricate and extraordinarily powerful. Each wrestler maintains a ranking that affects every slice of his life: how much money he makes, how large an entourage he carries, how much he gets to eat, sleep, and otherwise takes advantage of his success.”
(Levitt, 2005, p.42)
Unterhalb der obersten Liga sieht das Leben fuer einen Sumo-Ringer alles andere als rosig aus. Meist sind die Ringer niederen Ranges den hoeherrangigen foermlich als Diener zugeteilt, muessen diese waschen (ja, auch an schwer zu erreichenden Koerperregionen!
), die Kabinen putzen, Essen zubereiten, etc. Ein Abstieg aus der obersten Klasse kommt einem enormen Statusverlust gleich. Der Rang ist alles im Leben eines Sumo-Ringers.
Der schwache Ringer gewinnt
Kommen wir zurueck zum Sumo-Ringer, der am letzten Wettkampftag eine Wertung von 7 Siegen und 7 Niederlagen aufweist. Ein solcher Ringer hat weitaus mehr zu verlieren als ein Ringer, der bereits acht Siege erreicht hat.
Vergleichen wir die hypothetischen Wahrscheinlichkeiten, mit welchem Ergebnis wir rechnen können, wenn ein 7-7 Ringer auf einen Ringer trifft, der bereits 8 Siege verzeichnen kann (also ein “8-6″-Ringer). Der 8-6 Sumo-Ringer hat bereits einige Siege eingestrichen und damit seine Staerke unter Beweis gestellt. Unter Einbeziehung empirischer Daten errechnen wir damit die Gewinnchancen eines 7-7 Ringers gegen einen 8-6 Ringer mit geringfuegig unter 50 Prozent:
Hypothetische Sieg-Wahrscheinlichkeit eines 7-7 Ringers gegen einen 8-6 Ringer: 48.7%
Die Untersuchung eines Daten-Samples von Sumo-Wettkaempfen zwischen 1989 und 2000 (etwa 32.000 Kaempfe von 281 Sumo-Ringern) liefert jedoch ein abweichendes Ergebnis. Trifft ein Ringer mit einem Ergebnis von 7-7 auf einen Gegner mit einer Bilanz von 8-6, so gewinnt in den meisten Faellen der 7-7 Sumo-Ringer. (Quelle: Leavitt, 2005)
Tatsaechliche Sieg-Quote eines 7-7 Ringers gegen einen 8-6 Ringer: 79.6%
In fast 8 von 10 Kaempfen gewinnt der hypothetisch schwaechere Ringer – ein Zufall?
Warum gewinnen schwaechere Ringer gegen staerkere?
Man koennte jetzt argumentieren, dass der 7-7 Ringer extrem motiviert ist, und daher gewinnt. Untersucht man jedoch die Kaempfe, in denen ein 7-7 Ringer auf Ringer mit einer hoeheren Gewinnquote als 8-6 trifft (bspw. 10-4, 11-3, etc.) so verliert fast immer der 7-7 Ringer. Ringer mit einer hoeren Gewinnquote haben einen starken Anreiz, auch gegen einen 7-7 Ringer zu gewinnen, weil diverse Bonuszahlungen (bspw. „best technique“, „fighting spirit“) winken, die jeweils mit etwa 20.000 EUR pro Turnier dotiert sind.
Deshalb ist das Phaenomen ausschliesslich auf Kaempfe zwischen 7-7 und 8-6 Ringer beschraenkt. Dem 8-6 Ringer schadet es nicht, wenn er verliert (auf Bonuszahlungen kann er sich meist ohnehin keine Chancen ausreichnen). Bei der Betrachtung der Daten wurde eine weitere interessante Feststellung gemacht: Wenn die gleichen Ringer in einem spaeteren Turnier wieder aufeinandertreffen, so gewinnt im naechsten Kampf der 8-6 Ringer in ueber 60% der Faelle.
Im ersten Kampf verlieren 8-6 Kaempfer gegen 7-7 Ringer in 80% der Faelle, und im naechsten Kampf nur noch in 40% der Faelle? Welche Bedeutung kann man aus diesen Daten ableiten?
Es sieht ganz so aus, als ob die Ringer eine quid-pro-quo-Vereinbarung treffen, frei nach dem Motto: „Laesst Du mich heute gewinnen (damit ich meinen Status erhalten kann), so verliere ich gegen Dich im naechsten Kampf.“
Diese quid-pro-quo-Vereinbarung haelt nur fuer zwei Kaempfe vor, danach pendelt sich das Gewinn-Niederlage-Verhaeltnis zwischen den beiden Ringern wieder auf 50% ein.
Sumo - ein abgekartetes Spiel
In den Medien wurde hin und wieder von Insidern Anschuldigungen ueber unerlaubte Absprachen erhoben – meist durch Whistleblowers (ehemalige Sumo-Ringer, die gegen ihre Clubs auspacken). Interessant ist, dass die Gewinnquote von 7-7 Ringern direkt nach solchen medienwirksamen Diskussionen stark zurueckgeht (nach kurzer Zeit pendelt sich jedoch die hohe Siegesquote der 7-7 Ringer wieder ein). Die Anschuldigungen werden heftig dementiert und durch Einschuechterungen niedergeschlagen. In einem spektakulaeren Fall „verstarben“ kurz vor einer geplanten Nennung von Namen zwei Zeugen am gleichen Tag in einem Krankenhaus… es wird vermutet, dass die japanische Mafia (Yakuza) ihre Haende mit im Spiel hat, und die Praxis der Absprachen deckt.
Trotz alledem sollte man sich den Spass beim Sumo nicht verderben lassen – fuer den Zuschauer bleibt es auch weiterhin amuesant. Man muss nur im Hinterkopf behalten, dass der Schritt zum Pro-Wrestling – wo Absprachen zur Tagesordnung zaehlen – im Sumo nicht besonders weit ist…
Dieser Beitrag gehört zu den Kategorien Leben in Japan, Japanische Wirtschaft und ihm wurden die Keywords sumo, japan, statistik, yokozuna, makuuchi, absprache, sport, yakuza zugeordnet (Tag-Wolke anzeigen).
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1. Marcus | February 25th, 2007 at 9:46 pm
Interessant. Das wusste ich noch nicht.
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