Toyotas Erfolg : Innovation und Vertrauen
June 27th, 2005 at 08:48pm Alexander Müller
In einem der letzten Artikel habe ich über den Hintergrund des Toyota Production System und die Bedeutung für Kostensenkung geschrieben. Niedrige Kosten ermöglichten es Toyota, innerhalb kurzer Zeit auf den zweiten Platz der größten Automobilhersteller vorzurücken. In diesem Beitrag werde ich auf den Hintergrund von Toyotas Innovationsstärke eingehen, deren Wurzeln in der Zuliefererpyramide zu suchen sind.
Innovationen bei Toyota
In den USA hat Toyota nicht nur ein hervorragendes Image hinsichtlich Qualität für wenig Geld, sondern erreicht durch Innovation auch Segmente des Marktes, die bislang von anderen Automobilbauern nicht bedient wurden. Während die deutschen Automobilhersteller ihre Hoffnungen auf die Verbreitung von Dieselmotoren gesetzt haben (was sich aber wegen fehlender Preisvorteile und Umweltvorschriften wohl nicht realisieren lassen wird), die US-amerikanischen Hersteller weiterhin teure, große, benzinfressende SUV (Sports Utility Vehicles) bauen, so hat Toyota mit dem Prius das erste Hybridfahrzeug auf den Markt gebracht. Ein Hybridfahrzeug ist umweltfreundlich und sparsam im Verbrauch, da der Benzinmotor durch ein Elektroaggregat unterstützt wird.
Vom Prius wurde in kurzer Zeit schon mehrere hunderttausend Fahrzeuge verkauft, und trotz seines eher unscheinbaren Äußeren wird der Wagen auch von Hollywood-Celebrities und anderen Prominenten gefahren. Und die westlichen Hersteller? Nach Einschätzungen von Experten liegen diese etwa 3-5 Jahre im Entwicklungsstand hinter Toyota (und auch Honda, wo ein Hybrid bereits entwickelt wurde) zurück. Und es geht noch weiter: Toyota hat bereits Fahrzeuge mit Brennstoffzelle entwickelt, die an Energieunternehmen und öffentliche Einrichtungen geleast werden. Fahrzeuge mit Brennstoffzelle hinterlassen als Rückstand ausschließlich Wasser und sind dementsprechend umweltfreundlich.
Vertrauen als Grundlage für Innovation in der Wertschöpfungskette
Wodurch lässt sich der Erfolg des japanischen Unternehmens in diesen Innovationsfeldern erklären?
Eine der grundlegenden Erfolgsfaktoren ist meiner Meinung nach das erfolgreiche Aufbauen von Vertrauen in der gesamten Wertschöpfungskette. Toyota hat ein vertrauensvolles Verhältnis zu seinen Zulieferern und realisiert Innovationen in enger Zusammenarbeit mit diesen.
Bereits in der MIT-Studie „The Machine That Changed the World.“ wurde eindrucksvoll beschrieben,wie Toyota im Gegensatz zu westlichen Automobilherstellern mit den Automobilzulieferern ein kooperatives Verhältnis pflegt. Zulieferer werden durch Toyota im Rahmen von Technologie-, Wissen- und Personaltransfer unterstützt, und über Jahrzehnte hinweg aufgebaut. Nichtsdestotrotz ist die Beziehung nicht zu verwechseln mit einer (in Japan oft anzutreffenden) „cozy relationship“ (wo man abends zusammen in die Kneipe geht und dabei den Wettbewerb vergisst) – die Zulieferer haben feste Vorgaben für kontinuierliche Verbesserung und werden zur Erfüllung dieser Ziele verpflichtet. Bei Mißachtung wird verwarnt, Hilfe angeboten, aber letztendlich droht der Ausschluß aus der Zuliefererpyramide, was ein starker Incentive ist, den Wünschen von Toyota nachzukommen.
Die MIT-Studie sorgte in westlichen Unternehmen für Aufmerksamkeit und es wurden Anstrengungen unternommen, die von kurzfristigen Transaktionen geprägten Beziehungen zu Zulieferern in langfristige Partnerschaften zu verwandeln. Die Umwandlung der Wertschöpfungspyramide vieler westlicher OEM ist eines der Resultate der MIT-Studie. Während vorher GM von vielen kleinen Zulieferern im starken Preiswettbewerb Commodities direkt kaufte und die Komponenten selbst baute, so sind mittlerweile viele wichtige Funktionen in Entwicklung und Montage ausgegliedert, was zur Entstehung von mehrstufigen Zuliefererpyramiden nach japanischem Vorbild führte. Auch die Schaffung einer Supplier Konferenz bei GM, auf der die Supplier beziehungsspezifische Fragestellungen behandeln können, fand nach dem Vorbild der Toyota „Kyoryoku-kai“ statt.
Man könnte jetzt – in Anbetracht der gleichen funktionalen Mechanismen, die mittlerweile von OEM in Japan und USA/Europa verwendet werden, vermuten, dass auch die Resultate die gleichen sind. Die Realität sieht jedoch anders aus: obwohl die Zuliefererpyramiden in ihrem Aufbau her ähnlich sind, so fehlt bei den westlichen OEM jedoch ein wichtiges Element, nämlich das Vertrauen der Zulieferer in ihren Abnehmer.
Beziehungen zwischen Zulieferern und OEM im Westen schlecht
Einer Umfrage von Planning Perspectives aus Birmingham zufolge vertrauen ein Großteil der Zulieferer ihrem Hauptabnehmer nicht, und bezeichnen ihre Beziehung als nicht gut.
Eighty-five percent of the suppliers questioned who work with GM reported a poor working relationship, and just 3% said they have a good or very good relationship. Fifty-three percent of suppliers said they prefer not to work with GM, saying the automaker has little regard for suppliers’ financial stability. Quelle: Detroit Free Press
Kostensenkungen werden meist auf die Zulieferer abgewälzt, insbesondere dann, wenn der Zulieferer Gewinne macht. In diesem Umfeld trauen sich Zulieferer oft nicht, ein positives Ergebnis auszuweisen. Diese Vorgehensweise ist Toyota fremd. Der Erfolg der Zulieferer ist ein zentrales Element in der Toyota-Philosophie, weshalb bei ausgewiesenen Gewinnen nicht auf außergewöhnliche Preissenkungen gedrängt wird, wie es westliche Hersteller oft tun. Aus diesem Grund zählen die Zulieferer von Toyota (und auch Honda) in der oben genannten Studie zu den zufriedensten in der gesamten Automobilindustrie.
Toyota Motor Corp. and Honda Motor Co. fared best in the survey. Sixty-three percent of suppliers have a good or very good relationship with Toyota; 53% said the same about Honda. Just 3% of the suppliers who work with Toyota and Honda said they would prefer not to do business with those companies, compared with 36% of those who work with Ford and 29% of those who work with Chrysler. Quelle: Detroit Free Press
Vertrauen = Informationsfluss = Innovation
Vertrauen ist eine Grundlage dafür, dass Unternehmen erfolgreich kooperieren. Wenn das Vertrauen fehlt, werden Informationen zurückgehalten, was zu Mißverständnissen und Problemen führt, so etwa bei kooperativer Produktentwicklung. Dass VW als Hauptursache für die augenblicklichen Probleme eklatante Defizite hinsichtlich Vertrauen in der Zuliefererpyramide nachgesagt werden (vgl. Dudenhöfer), belegt die weitreichenden Konsequenzen, die durch die Qualität der Zuliefererbeziehungen determiniert werden.
Es wird erwartet, dass Toyota in wenigen Jahren den gleichen Markterfolg in Europa haben wird, wie er derzeit in den USA zu sehen ist. So äußerte sich etwa Dieter Zetsche (Chrysler-Chef) in einem Interview gegenüber der DPA: „What the Unites States has gone through now lies in store for Europe. Toyota will turn up the pressure in Europe. There is potential here that the Japanese have not yet exploited.” Wenn bei den westlichen OEM nicht ein Umdenken stattfindet, werden sie in wenigen Jahren die gleichen Probleme haben, wie derzeit GM in den USA.
Dieser Beitrag gehört zu den Kategorien Automotive (Supplier) Industry, Entrepreneurship & Innovation und ihm wurden die Keywords automobilindustrie, japan, unternehmen, vertrauen, zulieferer, toyota, produktentwicklung, innovation, TPS zugeordnet (Tag-Wolke anzeigen).
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2 Comments Add your own
1. え~っと [e:to | jap.&hellip | October 22nd, 2005 at 1:02 am
[…] Die japanischen Hersteller haben für die Entwicklung komplexer, investitionsintensiver Technologien wieder einmal ihre Stärke im Supplier Management ausgespielt, indem sie ihren Zulieferern des 1st Tier langfristige Vorgaben gegeben haben, anstatt die Geschäftsbeziehungen auf reine kostenfixierte Transaktionen zu beschränken. Damit die Automobilhersteller (OEM) die Technologie erfolgreich verkaufen können, waren erhebliche Leistungen seitens ihrer Zulieferer erforderlich. Als Beispiel für technologieintensive Zulieferer nennt Automarktanalyst Lindsay Brooke (CSM Wordwide) die Firmen Panasonic, eine Tochter der Matushita Electrical Industrial Co., und Sanyo Electric. Beide Unternehmen stellen Batterien her. Zudem investieren derzeit mehrere an große japanische Automobilhersteller gebundene Zulieferer in die Entwicklung der neuen Technologie. Ihnen sei die Abnahme der entwickelten Technologien garantiert worden. (Mehr zu diesem Thema hier: Toyotas Erfolg - Innovation und Vertrauen). […]
2. え~っと [e:to | jap.&hellip | January 10th, 2006 at 10:06 pm
[…] In einem früheren Artikel habe ich bereits beschrieben, dass Toyota es geschafft hat, in der gesamten Wertschöpfungskette ein kooperatives Vertrauensverhältnis aufzubauen. Dieses wird nun also im grossen Rahmen von westlichen OEM kopiert. Mit Erfolg? Mit einem Lippenbekenntnis zum Begriff Vertrauen allein ist es nicht getan. Ohne das Verständnis des Begriffs “Vertrauen” ist es nicht moeglich, die Erfolgschancen dieser Initiativen abzuleiten, weshalb ich in diesem Artikel den Begriff “Vertrauen” beleuchten möchte. […]
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