Prozess-Referenzmodelle: Blaupausen für das Unternehmen

February 10th, 2005 at 08:22am Alexander Müller

Die Gesamtheit der von einem Hersteller von ERP-Software erstellten Referenzprozesse wird als Referenzmodell bezeichnet. Sie zeigen mittels einer formalen Beschreibung der Prozesse, wie Arbeitsabläufe mit der jeweiligen ERP-Software idealtypisch abgebildet werden können. Oft sind sie durch ein zusätzliches Softwareinstrument im ERP-Paket enthalten (bspw. bei SAP in der „SAP Business Engineering Workbench“ und bei BAAN in der sog. „Orgware“).

In der Literatur herrscht weitgehend Konsens, dasss die Qualität und der Umfang der in den Referenzmodellen enthaltenen Prozesse mindestens dem Industriestandard entsprechen, denn sie wurden in einer Vielzahl von Projekten gesammelt und umgesetzt. In vielen Beiträgen werden sie auch als „best practices“ bezeichnet.

Die Fülle der angebotenen Gestaltungsoptionen in Referenzmodellen erweckt den Eindruck, dass es eine ausreichend breite Abdeckung für betriebliche Funktionsbereiche gibt, um für alle Prozesse einen modellierten Referenzprozess verwenden zu können.

In praxisorientierten Studien erwies sich die Vielfalt an Szenarien und Funktionalitäten als ausreichend, um die Prozesse der überwiegenden Mehrheit der untersuchten Unternehmen abbilden zu können. Der Abdeckungsgrad der betrieblichen Funktionen wird in Studien meist größer als 80% geschätzt.

Referenzmodelle werden von den ERP-Herstellern ständig weiterentwickelt, um aktuellen Trends in der Prozessoptimierung Rechnung zu tragen, wie Supply-Chain-Management, Data Warehousing, Automatisierung des Vertriebs, etc. Oft werden diese Erweiterungen über Akquisitionen von spezialisierten Anbietern durch die ERP-Hersteller gelöst.

Insbesondere im industriellen Fertigungsbereich deutet die nähere Betrachtung der Referenzmodelle auf eine ausreichende Abdeckung sämtlicher Abläufe hin. Damit können komplette Referenzmodelle auf die Unternehmung übertragen werden und die Geschäftsprozessgestaltung damit über die Nutzung des Modells gelöst werden. In spezialisierten Branchen, die besondere Funktionalitäten erfüllen müssen, ist eine Unterdeckung durch Referenzmodelle jedoch nicht auszuschließen (bspw. Steuerabwicklung der Ölindustrie, Sortimentsverwaltung im Einzelhandel, etc.).

Meiner Meinung nach passen Prozess-Referenzmodelle in Standardsoftware (wie SAP) nicht auf jedes Unternehmen. Unternehmen, die bspw. “eigene” Geschäftsprozesse haben, sind möglicherweise durch die Standardfunktionen der Software hinsichtlich organisatorischer Gestaltungsmöglichkeiten eingeschränkt. Wie kategorisiert man diese “Eigenheit” von Unternehmensprozessen wissenschaftlich?

Eine Möglichkeit hierzu ist meiner Ansicht nach das Konzept der Spezifität aus der Transaktionskostentheorie. Williamson (”Transaction Cost Economics”, in: Handbook of Industrial Organization, Amsterdam, 1990.) definiert Spezifität als Konzept, das den Grad des Werteverlustes von Faktoren angibt, wenn sie alternativen Verwendungen zugeführt werden:

Asset specifity has reference to the degree to which an asset can be redeployed to alternative uses and by alternative users without sacrifice of productive value. (Williamson, 1990)

Hochspezifische Güter genießen Vorteile, die in einer neuen Umgebung nicht mehr bestehen. Faktorspezifität kann in (1) ortsabhängige Faktorspezifität (site specifity) (2) physische Faktorspezifität (physical asset specifity) und (3) menschliche Faktorspezifität (human asset specifity) unterteilt werden. Site specifity deutet eine räumliche Abhängigkeit an, die bspw. aufgrund von Kommunikations- oder Transportwegen besteht. Die physical asset specifity gibt an, wie stark bestimmte materielle Wirtschaftsgüter, die im Unternehmen im Rahmen der Wertschöpfung zum Einsatz kommen, speziell für das Unternehmen angefertigt wurden. Human asset specifity ist mit der Frage verknüpft, inwieweit Mitarbeiter eines Unternehmens unternehmensspezifische Kenntnisse aufweisen, die sie im Rahmen eines learning-by-doing-Prozesses im Unternehmen erlangt haben. Erlernbare Spezialkenntnisse, die auch außerhalb des Unternehmens erworben werden können wie bspw. Programmierkenntnisse, fallen nicht darunter. Vielmehr stellt sich menschliche Faktorspezifität in Wissen über den organisationalen Aufbau des Unternehmens dar.

Geschäftsprozesse mit einer hohen Spezifität (human asset oder physical asset specifity), weisen einen hohen Anpassungsgrad an die Organisation des Unternehmens auf und sind nur gering standardisiert, so dass sie sich auch nur begrenzt mit Standardsoftware abbilden lassen. Inwieweit eine hohe Spezifität eines Geschäftsprozesses für das Unternehmen sinnvoll ist, wird jedoch durch die Transaktionskostentheorie nicht aufgegriffen. Eine implizite Unterstellung der Transaktionskostentheorie ist nämlich, dass der Markt generell genauso gut in der Lage ist, Güter oder Dienstleistungen herzustellen wie die Unternehmung selbst. Der strategische Wert, den spezifische Geschäftsprozesse haben können (vgl. bspw. die Aussagen der Ressource-based Theory oder die Diskussion um Kernkompetenzen), wird nicht thematisiert.


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